Der Letzte macht das Licht aus

Sie sind wieder zuhause. Endlich. Unsere Vier-Sterne-Buben haben sich nach der Rückkehr in Berlin sowas von verdient final abfeiern lassen, aber das muss es dann auch gewesen sein. Leider. Gott sei Dank. Oder beides. Weil selbst so eine wunderbare Fußball-WM wie die gerade zu Ende gegangene für uns daheim Gebliebenen irgendwie ganz schön anstrengend ist. Vor allem im Zeitalter von Whatsapp, Second Screen und Social Media. Früher genügte es, den Fernseher einzuschalten. Man hatte einen Reporter, der – wenn überhaupt – nur selten sprach, und eine Zeitlupe. Eine einzige. Höchstens. Heutzutage ist das anders. Der Reporter ist immer noch da, aber er hört eigentlich nie auf, uns ohne Unterlass vollzuplappern. Smartphone respektive Tablet liefern uns gefühlte 350 unterschiedliche Kameraperspektiven in Echtzeit frei Haus, strittige Spielszenen werden per Bildschirmfoto in Sekundenschnelle mit Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen geteilt, um anschließend bis zum Erbrechen durchgekaut zu werden. Die letzten Informationslücken werden schließlich von Twitter, Facebook und Co. geschlossen, inklusive hochauflösendem Stuhlgang-Selfie von Lukas Podolski auf dem Hotelklo in Rio. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – aber ich muss das alles erst einmal in Ruhe sacken lassen. In einem ersten symbolischen Schritt habe ich deshalb heute Abend schwersten Herzens meine schwarz-rot-goldenen Fahnen im fahlen Schein eines reichlich verbrauchten Teelichts zu vorbildlich staatstragenden Klängen aus dem PC-Lautsprecher eingeholt, so dass nach 34 Tagen eventpatriotischer Verhüllung die Hausfassade tatsächlich wieder erkennbar ist. Aber war es das jetzt wirklich?


Das sind die Dinger! Der Siegerflieger, der Kapitän, der Pott!

Ja. Der Letzte macht das Licht aus. Ich habe fertig. Fast. Denn ich will mich abschließend natürlich bedanken. Bei unseren weltmeisterlichen Jungs, bei Ihnen, meinen Leserinnen und Lesern, die meine mehr oder weniger sinnfreien Ergüsse in den vergangenen viereinhalb Wochen tapfer ertragen haben – und last but not least bei der coolsten Sau auf diesem Planeten:

Poldi in love

Und weil Lukas Podolski im Herzen immer noch der kleine Junge mit den großen Träumen geblieben ist:

Unendlich stolz

Götze. Ausgerechnet Götze. Es war die 113. Minute im WM-Finale von Rio, als sich das Leben des kleinen Münchners von Grund auf änderte, denn nun steht Mario Götze in einer Reihe mit Helmut Rahn, Gerd Müller und Andi Brehme, mit jenen Fußballhelden also, deren entscheidende Endspieltore Deutschland drei Weltmeistertitel bescherten. Dabei hatte bis gestern Abend eigentlich nichts darauf hingedeutet, dass Götze selbst zur Legende werden würde. Es war überhaupt nicht seine WM gewesen, seine viel kritisierten Leistungen hatten Götze sogar aus der Startelf katapultiert. Doch dann machte sich Andre Schürrle über links auf, den gerade einmal 22-jährigen Ex-Dortmunder so perfekt zu bedienen, dass Götze gar nicht mehr anders konnte, als die Kugel im Stile eines wahren Champions grandios im argentinischen Tor zu versenken. Von einem Moment auf den anderen war aus dem ewigen Talent Götze der alles überstrahlende Matchwinner Götze geworden. So schnell kann es gehen. Gott sei Dank.

Keine Frage: Die endlich erwachsen gewordene goldene Generation des deutschen Fußballs hat sich den vierten Stern auf redlichste Art und Weise an die Brust getackert. Sie waren nicht nur in Brasilien die beste Mannschaft, sondern auch bei den beiden vorangegangenen Turnieren. Trotzdem scheiterte man 2006 und 2010 jeweils knapp im Halbfinale. Aber dieses Mal passte einfach alles: das Team auf und neben dem Platz, das im Vorfeld kritisch beäugte Quartier, der Zusammenhalt, das Glück, die Mischung aus wunderbarem Galerie- und ergebnisorientiertem Erfolgsfußball – und nicht zuletzt der Bundestrainer, der aus alten und neuen Fehlern lernte und daraus die richtigen Konsequenzen zog. Bei dieser WM war Joachim Löw ein weltmeisterlicher Coach, der sich unseren allerhögschden Respekt und den unvergänglichen Dank einer euphorisierten Nation verdient hat.

Der Erfolg wird noch dadurch abgerundet, dass Manuel Neuer selbstverständlich (!) zum besten Torwart der WM gekürt wurde. Aber Typen hat diese Mannschaft ganz viele, ob sie nun Phillip Lahm, Mats Hummels, Jerome Boateng, Sami Khedira, Bastian Schweinsteiger, Toni Kroos, Andre Schürrle, Miro Klose oder Thomas Müller heißen. Normalerweise tue ich mich schwer damit, auf etwas stolz zu sein, wofür ich nichts getan habe. Auf diese Jungs und all die anderen Teamplayer, die durch Leistung und Haltung den Weltpokal zurück nach Deutschland geholt haben, bin ich jedoch unendlich stolz.

Spielstatistik

Deutschland – Argentinien

1:0 Götze (113.)

Damals im Sommer 2006

2006. Sommer. Sonne. Märchen. Vor acht Jahren begann das, was heute Abend endlich mit einem Titel gekrönt werden soll. Jürgen Klinsmann hatte in den zwei Jahren vor der Heim-WM nicht weniger getan, als den deutschen Fußball gründlich zu revolutionieren. Man scheiterte zwar im Halbfinale, aber die tollen Erinnerungen an viereinhalb geile Wochen sind natürlich trotzdem geblieben. Auch bei mir persönlich, denn ich war ja nicht nur dabei, sondern sogar mitten drin gewesen – als Volunteer im offiziellen Fahrdienst. Ein paar Fotos von der besten Weltmeisterschaft aller Zeiten:

Auf uns

Zum Mitsingen:

Wer friert uns diesen Moment ein
Besser kann es nicht sein
Denkt an die Tage, die hinter uns liegen
Wie lang wir Freude und Tränen schon teilen
Hier geht jeder für jeden durchs Feuer
Im Regen stehen wir niemals allein
Und solange unsere Herzen uns steuern
Wird das auch immer so sein
Ein Hoch auf das, was vor uns liegt
Dass es das Beste für uns gibt
Ein Hoch auf das, was uns vereint
Auf diese Zeit (Auf diese Zeit)
Ein Hoch auf uns (uns)
Auf dieses Leben
Auf den Moment
Der immer bleibt
Ein Hoch auf uns (uns)
Auf jetzt und ewig
Auf einen Tag
Unendlichkeit
Wir haben Flügel, schwör’n uns ewige Treue
Vergeuden uns diesen Tag
Ein Leben lang ohne Reue
Vom ersten Schritt bis ins Grab
Ein Hoch auf das, was vor uns liegt
Dass es das Beste für uns gibt
Ein Hoch auf das, was uns vereint
Auf diese Zeit (Auf diese Zeit)
Ein Hoch auf uns (uns)
Auf dieses Leben
Auf den Moment
Der immer bleibt
Ein Hoch auf uns (uns)
Auf jetzt und ewig
Auf einen Tag
Unendlichkeit (Unendlichkeit)
Ein Feuerwerk aus Endorphinen
Ein Feuerwerk zieht durch die Welt
So viele Lichter sind geblieben
Ein Augenblick, der uns unsterblich macht
Unsterblich macht
Ein Hoch auf das, was vor uns liegt
Dass es das Beste für uns gibt
Ein Hoch auf das, was uns vereint
Auf diese Zeit (Auf diese Zeit)
Ein Hoch auf uns (uns)
Auf dieses Leben
Auf den Moment
Der immer bleibt
Ein Hoch auf uns (uns)
Auf jetzt und ewig
Auf einen Tag
Unendlichkeit
Ein Hoch auf uns
Ein Feuerwerk aus Endorphinen
Ein Hoch auf uns
Ein Feuerwerk zieht durch die Welt
Ein Hoch auf uns
So viele Lichter sind geblieben
Auf uns

Arbeitszeugnis

Die brasilianische Nationalmannschaft hat seit dem 12. Juni 2014 an der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft teilgenommen.

Die einzige Aufgabe des Teams war der Gewinn des Turniers vor heimischen Publikum. Die Spieler waren stets bemüht, dieses Ziel zu erreichen. Nach anfänglichen Erfolgen wurde die Seleção im Halbfinale in einen von deutschen Fremdarbeitern vorsätzlich verschuldeten Betriebsunfall verwickelt, bei dem sie ein kollektives Scheitertrauma erlitt. An den tragischen Folgen dieser motivationslähmenden Verletzung sowie an der völligen Ahnungslosigkeit des Unparteiischen verstarb im Spiel um Platz drei gegen überraschend agile niederländische Saisonarbeitnehmer schnell auch die letzte Hoffnung auf einen versöhnlicheren Abschied, so dass man insgesamt von einem etwas suboptimalen Arbeitsergebnis sprechen kann.

Die Brasilianer waren wegen ihres herzhaft-rustikalen Auftretens bei Gegnern und Schiedsrichtern gleichermaßen gefürchtet. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang trotz der häufigen Überhärte im zweikampfmenschlichen Körperkontaktbereich eine bis dahin nicht gekannte Gefühlsbetontheit sämtlicher Akteure auf und neben dem Platz, durch die die künstliche Bewässerung der Spielflächen auf ein erfreuliches Minimum reduziert werden konnte. Zudem haben sich alle WM-Teilnehmer des Gastgeberlandes um die Förderung des heimischen Liedgutes außerordentlich verdient gemacht.

Trainer Felipe Scolari und seine Schützlinge verlassen die Konkurrenz zum 12. Juli 2014 aufgrund der von der FIFA form-, frist- und leistungsgerecht ausgesprochenen Kündigung aus offensichtlichen Gründen vor Ablauf der vereinbarten Wettbewerbslaufzeit. Die FIFA bedauert ihr verfrühtes Ausscheiden irgendwie und wünscht ihren schwerst leidgeprüften Anhängern viel Erfolg bei der Bewältigung der nun folgenden notwendigen Trauerarbeit.

Spielstatistik

Brasilien – Niederlande 0:3 (0:2)

0:1 van Persie (3. | Elfmeter)
0:2 Blind (17.)
0:3 Wijnaldum (90.+1)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Enthüllt: Die wahre Geschichte des Brasilien-Dramas

Hatten Sie beim deutschen 7:1 gegen Brasilien nicht auch irgendwie das Gefühl, dass die Seleção gar nicht auf dem Platz stand? Ein mit versteckter Kamera aufgenommenes Enthüllungsvideo aus dem Privatbesitz von Felipe Scolari beweist nun, dass es genauso gewesen ist:

Für den Fall, dass die FIFA und Youtube wieder den Urheberrechtsschützer raushängen lassen, gibt es das Video hier zum Download (mp4-Datei | 11,8 MB).

Italien doch im Finale

Ginge es bei der Benennung des Schiedsrichters für ein WM-Endspiel darum, dass der beste Referee des Turniers für seine bis dahin guten Leistungen belohnt werden soll, würde Nicola Rizzoli das Finale am Sonntag in Rio sicherlich nicht leiten dürfen. Schließlich hat sich der 42-jährige Italiener gleich in seinem ersten Einsatz zwei kapitale Patzer geleistet. Weil bei der FIFA das Qualitätskriterium aber grundsätzlich keine Rolle spielt, darf Rizzoli bei der Kür des neuen Weltmeisters trotz erwiesener Unfähigkeit nun also ein gewichtiges Wort mitreden – während beispielsweise der untadelige Engländer Howard Webb in die Röhre gucken muss.

Meine persönliche Nummer eins unter der WM-Pfeifen – Nestor Pitana – stand übrigens gar nicht mehr zur Verfügung. Allerdings hatte das ausnahmsweise einen guten Grund: Der Mann ist schließlich Argentinier. Schade eigentlich.

Ohne Holland holen wir die WM

Hm, das soll auch ein WM-Halbfinale gewesen sein? Wenn ich nicht sicher wüsste, dass A wie Argentinien Angsthasen und H wie Holland Hosengestrichenvollhaber wirklich das Endspiel in Rio erreichen wollten, wäre mir allerdings nie in den Sinn gekommen, dass es beim zweiten Vorschlussrundenmatch in Sao Paulo tatsächlich um den Finaleinzug ging. Man hatte von Argentinien und den Niederlanden bei diesem Turnier ja schon einiges an elendem Grottengekicke gesehen, aber dieses strunzlangweilige Spiel toppte noch einmal alles, was man bisher an fußballerischen Grausamkeiten über sich ergehen lassen musste. Wahre Gerechtigkeit wäre den Zuschauern im Stadion und zuhause vor den Fernsehempfangsgeräten nur dann zuteil geworden, wenn man beide Teams wegen fortgesetzter vorsätzlicher Mutlosigkeit zur Strafversetzung ins Spiel um Platz drei gegen Brasilien verurteilt hätte. Weil das aber leider nicht möglich war, musste wieder einmal das unvermeidliche Elfmeterschießen darüber bestimmen, gegen wen sich Deutschland den vierten Stern an die Brust tackern darf. Das Schicksal entschied sich für die Südamerikaner, was den Holländern zumindest erspart, auch ihr viertes WM-Endspiel in den Sand zu setzen.


Von der eigenen Elf buchstäblich im Regen stehen gelassen: Oranje-Fans nach Spielende

Nun kommt es am Sonntag also zur dritten Auflage des deutsch-argentinischen Finalklassikers. 1986 verlor Deutschland nach großem Kampf in Mexiko City knapp mit 2:3, vier Jahre später sorgte Rudi Völlers plötzlicher Schwächeanfall im Sechzehner Andreas Brehmes total berechtigter Strafstoß in Rom für den bislang letzten deutschen WM-Titel. Bleibt nur zu hoffen, dass der Gott des runden Kunststoffleders die beste Mannschaft zum neuen Weltmeister kürt – und nicht etwa das Messi-Team.

Spielstatistik

Niederlande – Argentinien 2:4 n.E. (0:0, 0:0)

Elfmeterschießen

Vlaar verschießt
0:1 Messi
1:1 Robben
1:2 Garay
Sneijder verschießt
1:3 Agüero
2:3 Kuyt
2:4 Rodriguez

Bildnachweis: Eigene Screenshots

The Day After

Ist Ihnen das heute auch passiert? Da kommen Ihnen auf der Straße wildfremde Menschen entgegen, die Sie scheinbar völlig grundlos wie in Trance angrinsen und dazu immer wieder den Kopf schütteln. Machen Sie sich keine Sorgen. Das ist völlig normal. Glauben Sie mir. Am Tag nach dem Massaker von Belo Horizonte laufen Sie nämlich garantiert mindestens genauso bescheuert durch die Gegend. Weil Sie ebenfalls noch nicht restlos davon überzeugt sind, dass das, was Sie am Dienstagabend auf der Mattscheibe gesehen haben, wirklich passiert ist. Aber es ist tatsächlich geschehen: Jogi Löws erwachsen gewordene Rasselbande hat Brasiliens ganzen Fußballstolz mit 7:1 auf heimischem Grund in Schutt und Asche gelegt. Sie sollten sich auf jeden Fall merken, wo Sie gewesen sind, als die Seleção dermaßen akkurat vom Platz gefegt wurde. Denn man wird Sie noch in Jahrzehnten danach fragen.

Mit dem Begriff historisch sollte man zwar in der Tat vorsichtig umgehen, aber das sensationelle Ergebnis und vor allem die Art und Weise, wie es zustande kam, wird zweifellos in die Fußballgeschichte eingehen. Die internationalen Reaktionen auf die deutsche Torlawine (Liberation, Frankreich) schwanken vier Tage vor dem Endspiel im legendären Maracana-Stadion von Rio de Janeiro zwischen bewundernder Begeisterung für die Leistung der Löw-Elf und entsetztem Mitleid für die größte Schmach, die eine brasilianische Fußballnationalmannschaft jemals erleben musste. Die spanische Sportzeitung AS meint gar, dass selbst der verpasste Weltmeistertitel von 1950 angesichts des verheerenden 1:7 gegen Deutschland nur noch eine Anekdote sei. Damals hatte Brasilien im eigenen Land im allerletzten Spiel des Turniers Uruguay den Vortritt lassen müssen.

Hierzulande gibt sich dagegen selbst die gewiss nicht für journalistische Zurückhaltung bekannte BILD zumindest auf ihrer aktuellen Titelseite ungewohnt sprachlos: Ohne Worte beschreibt schlicht und schön das grenzenlose Erstaunen, aus dem man seit gestern gar nicht mehr herauskommt. Die amerikanischen Boulevardkollegen bemühen freilich wieder die übliche Kriegsrhetorik (Deutschland schlägt Brasilien 7:1 in einem Fußball-Blitzkrieg), während der britische Guardian darüber berichtet, dass BBC-Spielkommentator Steve Wilson beim Abspielen der Nationalhymnem und während des Matchs Deutschland, Deutschland über alles gehört haben wollte – was bei zahlreichen Zuschauern auf der Insel zu Recht heftigen Widerspruch hervorrief. Aber eigentlich geht mir das ziemlich gepflegt am Allerwertesten vorbei. Deutschland steht im Finale, England nicht. So what.

Bildnachweis: Petole, eigener Screenshot/Scan

Deutschland verpasst Spiel um Platz drei

Ehrlich gesagt fehlen mir immer noch die Worte. Und das passiert mir wirklich nicht oft. Aber was soll man auch zu einem Spiel sagen, über das man noch in Generationen sprechen wird. Ich jedenfalls werde das Halbfinale zwischen Deutschland und den Brasilianern mein Leben lang nicht vergessen. Ein furchtbar enges Match auf Biegen und Brechen sollte es werden, das womöglich erst nach Verlängerung und Elfmeterschießen entschieden sein würde. Doch dann kam alles ganz anders. Nach nicht einmal einer halben Stunde stand es 5:0. Für das Team von Joachim Löw. Gegen Brasilien. In Brasilien. Unglaublich. Unfassbar. Das Match hatte einen Sieger, lange bevor der Abfiff erfolgte. Der Rest war – wenn man so will – ein public viewing der eigentlichen Art, also die Ausstellung einer aufgebahrten Leiche namens Seleção. Am Ende triumphierte Deutschland über den WM-Gastgeber mit 7:1. Nach allen Regeln der Fußballkunst regelrecht auseinander genommen und gedemütigt, hatte ich zwischendurch sogar das Gefühl, mich dafür irgendwie schämen zu müssen. Ernsthaft.


Jogi, der Grashalmflüsterer, vor dem Spiel

Natürlich: Der fünfmalige Titelträger musste ohne Superstar Neymar und Abwehrchef Thiago Silva auskommen. Aber da standen ja trotzdem alles andere als irgendwelche minderbemittelte Luschen auf dem Platz. Fast jeder verdient sein Geld in europäischen Spitzenklubs. Dennoch war die gesamte Partie auf eine fast schon bedrückende Art und Weise einseitig, wie ich es in der Vorschlussrunde einer WM noch nie erlebt habe und vermutlich auch kein zweites Mal erleben werde. Für die brasilianischen Fans müssen die 90 schrecklich schönen Minuten von Belo Horizonte wahrlich der schlimmste Albtraum gewesen sein, den man sich vorstellen kann. Beziehungsweise nicht vorstellen kann.

Angesichts des Ergebnisses ist man versucht, die Tatsache, dass sich Miro Klose mit seinem insgesamt 16. Treffer zum alleinigen WM-Rekordtorschützen gekürt hat, als banale Randnotiz abzutun. Aber das würde dem mittlerweile 36-jährigen Stürmer wirklich nicht gerecht. Man kann nur sämtliche Hüte vor dem ziehen, was Klose seit seinem ersten Spiel im DFB-Dress vor über 13 (!) Jahren geleistet hat. Es wäre die verdiente Krönung seiner außergewöhnlich erfolgreichen Karriere, wenn Deutschland am kommenden Sonntag in Rio de Janeiro tatsächlich den vierten Titel holt.

Es sollte sich allerdings niemand täuschen: Das Endspiel im legendären Maracana-Stadion wird unabhängig vom Gegner das schwerste aller Spiele werden. Weil es das nächste ist. Und weil nichts so wertlos wie der Erfolg von gestern ist.

Spielstatistik

Brasilien – Deutschland 1:7 (0:5)

0:1 Müller (11.)
0:2 Klose (23.)
0:3 Kroos (24.)
0:4 Kroos (26.)
0:5 Khedira (29.)
0:6 Schürrle (69.)
0:7 Schürrle (79.)
1:7 Oscar (90.)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Jubel in Frankreich: Deutschland trotz Sieg ausgeschieden

Es gibt in Deutschland eine, hm, Nachrichtensendung, über deren, hm, Nachrichten man alles Mögliche behaupten kann, nur nicht, dass sie etwas mit der Realität zu tun hätten. So verkündete, hm, Moderatorin Miriam Pulcher am vergangenen Freitag zur allgemeinen Überraschung in den RTL2, hm, News:

Der Sender versuchte anschließend zu erklären, wie das passieren konnte:

Aufgrund technischer Probleme wenige Sekunden vor Sendungsbeginn konnten wir die RTL II News am Freitagabend nicht wie geplant live aus Berlin starten. Beim kurzfristigen Umschalten auf das Kölner Studio wurde bedauerlicherweise eine falsche Nachricht in den Sendungsablauf geladen und anmoderiert. Diese wurde in der Moderation sofort korrigiert. Wir prüfen weiter, wie es dazu kam, entschuldigen uns aber in aller Form bei unseren Zuschauern.

Nun, bei der Fehlersuche kann ich womöglich behilflich sein, denn wenn man ein stimmlich und wahrscheinlich auch sonst hoffnungslos überfordertes Blondchen vor dem Teleprompter drapiert, kann man zwar mit viel Glück davon ausgehen, dass ein restlos von jedem Sinn befreiter Text halbwegs unfallfrei abgelesen wird, aber ganz sicher nicht, dass die Zuschauer so viel öffentlich zur Schau gestellte Inkompetenz lebend überstehen. Die haben sich nämlich schon nach fünf Sekunden totgelacht.

Auf Facebook klingt das RTL2-Statement übrigens noch, hm, witziger:

Hm … Naja. In Fußballdeutsch: Wir analysieren noch die taktischen Fehler, aber den Titel schreiben wir noch nicht ab.

Genau, denn wie sagte schon Lukas Podolski:

Jetzt müssen wir die Köpfe hochkrempeln. Und die Ärmel natürlich auch.

In der, hm, Nachrichtenredaktion von RTL2 hirnt man zur Stunde noch über die Anmoderation der morgigen Ausgabe. Hier ein erstes kurzes Zwischenergebnis:

Neymar zu stark – Deutschland ohne Rückgrat Rückrad chancenlos
Brasilien im Endspiel – Deutschland gewinnt 1:0
Schland schlägt Silien – Ohne Vorsilbe zum vierten Stern?

Via Stefan Niggemeier.

Die größten Pfeifen

Die FIFA hat am Montag die Schiedsrichter benannt, die für die letzten vier Spiele zur Verfügung stehen. Die Liste liest sich in der Tat wie das Who is Who der größen Pfeifen bei dieser WM. Da ist zum Beispiel Yuichi Nishimura, über den ich bereits nach dem Eröffnungsmatch zwischen Brasilien und Kroatien schrieb:

Japan – das ist Sushi, Fukushima und Nishimura. Nishimura? Ist das nicht dieser teilzeiterblindete Schiedsrichter, der den Brasilianern im WM-Eröffnungsspiel gegen Kroatien für weniger als gar nichts einen Strafstoß auf dem Silbertablett kredenzt hat? Ich weiß nicht, was ‚Mit dem Zwölften siegt man leichter‘ auf Japanisch heißt, aber ich kenne die Bedeutung des mutmaßlich sehr, sehr alten nipponesischen Sprichworts ‚Baka mo ichi-gei‘: Jeder Narr hat Fähigkeiten. Vielleicht ist der feine Herr Nishimura aus Tokio ja ein virtuoser Hallenhalma-Spieler.

Oder Marco Rodriguez. Der leitete jene denkwürdige Begegnung, in deren Verlauf Uruguays Luis Suarez plötzlich am Hungerast hing und sich deshalb an der italienischen Schulter von Giorgio Chiellini schadlos hielt. Wirklich blöd, dass der mexikanische Referee davon überhaupt nichts mitbekommen haben wollte.

Nicola Rizzoli dagegen sah im Spiel der Holländer gegen Spanien zunächst eine elfmeterwürdige Attacke, die keine war – und dann plötzlich gar nichts mehr. Zum Beispiel ein regelwidriger Angriff auf Iker Casillas, dem dadurch eines seiner fünf Gegentore ins Netz flatterte.

Auch die Benennung von Sandro Ricci darf durchaus als peinlicher Fehlgriff bezeichnet werden. Nicht, weil sich der Mann gröbere Patzer geleistet hätte, sondern weil er Brasilianer ist. Als solcher hätte ihn die FIFA eigentlich auf den kurzen Nachhauseweg schicken müssen, weil die Seleção nach wie vor im Turnier ist. Aber Regeln des Fußball-Weltverbands sind schließlich nur dazu da, um vom korrupten Sepp-Blatter-Verein anschließend nach Herzenslust gebrochen zu werden. Auf der Unparteiischenliste befindet sich übrigens kein Argentinier, kein Holländer und selbstverständlich auch nicht der Deutsche Felix Brych.

Auf der anderen Seite werden die Brasilianer zweifellos in wahre Begeisterungsstürme ausbrechen, wenn sie hören, dass Carlos Velasco Carballo immer noch mit dabei ist. Richtig: Das ist jener spanische Schiedsrichter, der das brutale Foul an Neymar zwar bemerkte, es trotzdem aber nicht für notwendig hielt, die Partie sofort zu unterbrechen und den Übeltäter wenigstens zu verwarnen.

Der Vollständigkeit halber sei abschließend erwähnt, dass die FIFA empört bestritten hat, die Unparteiischen insgeheim dazu angehalten zu haben, während der WM selbst bei übelsten Vergehen extreme Toleranz walten zu lassen. Genau. Wie kann man auch nur auf die absurde Idee kommen, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein könnte. So eine bodenlose Unverschämtheit.

Scheinheilig

In Brasilien ist man nach wie vor empört über das brutale Foul an Superstar Neymar. Der Fußballverband des deutschen Halbfinalkontrahenten prüft sogar juristische Schritte gegen Übeltäter Juan Zuniga. Dabei haben die Brasilianer doch am wenigsten Grund, sich über die knüppelharte Gangart bei dieser WM zu beschweren, denn die übelste Tretertruppe kommt ausgerechnet aus dem Land des fünfmaligen Weltmeisters. Das kann man bei den Spielen nicht nur mit bloßem Auge erkennen, sondern wird auch durch die Statistik belegt. Kein anderes Team hat so viele Fouls (96) begangen und so viele gelbe Karten (10) erhalten wie die Seleção. Wer pro Spiel fast 20-mal gegnerische Spieler unfair attackiert, der sollte in diesem Zusammenhang schon aus Gründen der eigenen Glaubwürdigkeit ganz kleine Brötchen backen. Das gilt übrigens genauso für die Niederlande, die in der Foulstatistik nur knapp hinter Brasilien liegen.

Zum Vergleich: Unter den Mannschaften, die das Viertelfinale erreicht haben, belegt Deutschland bei den gelben Karten (4) den letzten und bei den Fouls (57) den vorletzten Platz.

Die Kirche im Dorf

Er hat Rücken. Er, Neymar. Der große Meister, der Erlöser Brasiliens, der Heilsbringer, der Wasser in Wein und Freistöße direkt verwandeln kann. Beziehungsweise konnte. Denn jetzt geht nichts mehr. Rien ne va plus. Aus, Ende, vorbei, Tilt. Brutal aus dem Turnier gerammt, ist Neymar da Silva Santos Junior vom rein irdischen Hoffnungsträger von einem Augenblick auf den anderen zur pseudoreligiösen Überfigur quasi gen Himmel aufgefahren, um dort gottgleich über allem zu schweben und per bloßer Strahlkraft dafür zu sorgen, dass der fünfmalige Weltmeister in einer Woche Titel Nummer sechs unter den Zuckerhut holt. Entsprechend salbungsvoll fallen die Huldigungen für den nicht im Stall, sondern in der Not geborenen Heiland aus. Und auch der Angebetete scheint sich in seiner neuen Rolle mehr oder weniger zu gefallen. Drama, Baby, Drama.


Irgendwie nicht von diesem Planeten: Neymar

Liebe Leute, ich glaube, es hackt. Sicher, Neymars Verletzung ist schlimm und der Frust darüber groß. Aber lasst die Kirche trotzdem mal schön im Dorf. Neymar ist nämlich nicht gestorben. Für Trauer gibt es nicht den geringsten Anlass. Schon in wenigen Wochen wird der gerade einmal 22-jährige Jungstar des FC Barcelona wieder so vortrefflich gegen den Ball treten können, wie er das während der WM getan hat. Er wird alle Möglichkeiten haben, noch viele große Triumphe zu feiern. Garantien gibt es allerdings selbst für ein so überragendes Talent wie Neymar nicht. Vor allem dann nicht, wenn aus dem herzerfrischend fröhlichen und erfreulich allürenfreien Jungen aus Mogi das Cruzes durch groteske Überhöhung ein hoffnungslos eingebildeter Schnösel werden sollte, der sich und seinen Stellenwert in der Welt massiv überschätzt. Niemand braucht einen weiteren Cristiano Ronaldo. Also gebt Neymar bitte die Chance, sein enormes Potential voll auszuschöpfen. Denn dann werden nicht nur die Brasilianer in Zukunft viel Freude an ihm haben.

Bildnachweis: Bearbeiteter eigener Screenshot

Muchas gracias!

Hätte man vor der WM gesagt, dass eine der Viertelfinalpaarungen Niederlande gegen Costa Rica lautet, wäre man milde belächelt worden. Doch genauso kam es. Hätte man vor der WM prognostiziert, dass die Holländer in einem solchen Spiel in die Verlängerung müssen, wäre man glatt ausgelacht worden. Doch genauso kam es. Vollends für verrückt erklärt wäre man worden, wenn man darauf gewettet hätte, dass sich der dreifache Vizeweltmeister erst im Elfmeterschießen gegen die sensationellen Costa Ricaner durchsetzt. Doch genauso kam es. Leider. Denn man hätte es Costa Rica wirklich gegönnt. Natürlich waren die Niederlande das bessere Team. Und natürlich hatten Robben & Co. eine Unmenge an Torchancen, um die Begegnung bereits in der regulären Spielzeit klar für sich zu entscheiden. Aber entweder standen den Holländern Pfosten, Latte und Costa Ricas fantastischer Keeper Navas im Weg – oder sie sich selbst. Also mussten nach 120 Minuten eben Strafstöße über Argentiniens Gegner im Halbfinale entscheiden.

Als Matchwinner erwiesen sich dabei Ersatztorwart Tim Krul und Trainer Louis van Gaal, der Krul kurz vor dem Ende der Verlängerung einzig und allein für das Elfmeterschießen eingewechselt hatte. Das zahlte sich aus: Erste wehrte Krul den Schuss von Ruiz ab, dann hielt er den letzten Elfmeter von Umana. Mit Costa Rica verlässt jedoch eine unglaubliche Mannschaft die Weltbühne des Fußballs, die sich mit Herz und Leidenschaft viel Respekt und noch mehr Sympathien verdient hat.

Muchas gracias!

Spielstatistik

Niederlande – Costa Rica 4:3 n.E. (0:0, 0:0)

Elfmeterschießen

0:1 Borges
1:1 van Persie
Ruiz verschießt
2:1 Robben
2:2 Gonzales
3:2 Sneijder
3:3 Bolanos
4:3 Kuyt
Umana verschießt

Bildnachweis: Eigener Screenshot

Belgien scheitert an sich selbst

Ich verstehe es einfach nicht: Da stellt Argentinien einen sorgfältig ausgebildeten Fliegenfänger zwischen die Pfosten, der so gut wie keinen Ball festhalten kann, und was machen die Belgier zwei ganze Halbzeiten lang? Genau: schießen gar nicht aufs Tor und flanken grottenschlecht. Dümmer kann man kaum aus dem Turnier ausscheiden, wie das die Elf von Marc Wilmots gegen den zweimaligen Weltmeister heute mit 90 Minuten sinnlosem Anlauf geschafft hat. Insofern haben sich argentinische Cleverness und eine gehörige Portion Glück gegen völliges belgisches Unvermögen knapp, aber keineswegs unverdient durchgesetzt. Folgerichtig fiel der einzige Treffer in diesem Viertelfinalmatch auch eher zufällig. Gonzalo Higuains Abschluss war natürlich trotzdem großartig.

Weil Argentinien in der zweiten K.O.-Runde bei einer WM zur Abwechslung mal nicht gegen Deutschland antreten musste, steht La albiceleste nun also im Halbfinale. Angst muss man vor dieser Mannschaft allerdings nicht haben. Außer Lionel Messi und Angel Di Maria hat in diesem Team niemand die Klasse, die Argentinien zum dritten Titelgewinn befähigen würde. Bei dieser WM ist es eher dem Losglück zu verdanken, dass die Argentinier soweit gekommen sind. Während Deutschland und Holland mit Portugal, Frankreich und Spanien bereits drei große Mannschaften aus dem Weg räumen mussten, hießen Argentiniens Gegner bis jetzt Bosnien-Herzegowina, Nigeria, Iran, Schweiz und Belgien. Ein klarer Sieg sprang dabei trotzdem nicht heraus, im Gegenteil: Sämtliche Spiele wurden nur mit einem einzigen Tor Unterschied gewonnen. Deshalb wird Argentiniens Weg im Halbfinale zu Ende gehen, ganz gleich, gegen wen man anzutreten hat.

Spielstatistik

Argentinien – Belgien 1:0 (1:0)

1:0 Higuain (8.)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

So geht es

Nicht, dass es eines zusätzlichen Mutmachers für das WM-Halbfinale gegen Brasilien noch bedürfte – aber es kann ja trotzdem nichts schaden, sich einmal anzuschauen, wie unsere Jungs das Team von Felipe Scolari beim letzten Aufeinandertreffen im August 2011 zerlegt haben:

Nun wird so mancher Kleinkrämer vielleicht einwänden, dass die brasilianische Startelf damals anders ausgesehen hat wie im Spiel gestern gegen Kolumbien. Das stimmt: Nur Julio Cesar, Thiago Silva und Neymar waren schon in der Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena von Anfang an mit dabei. Richtig ist aber genauso, dass in der Aufstellung der deutschen Fußballnationalmannschaft ebenfalls fünf Spieler standen, die gegen Frankreich entweder gar nicht im Aufgebot waren oder erst einmal auf der Auswechselbank Platz nehmen mussten. Also ist die Sache doch glasklar: Wir erreichen ganz locker das Endspiel. Basta.

Kein Zufall

Rekordverdächtige 54 Fouls haben die FIFA-Erbsenzähler während des WM-Viertelfinalspiels zwischen Brasilien und Kolumbien beobachtet, doch am Tag danach beschäftigt sich die Fußballwelt einzig und allein mit der brutalen Attacke von Juan Zuniga gegen Neymar. Zuniga hatte den brasilianischen Superstar kurz vor Ende der regulären Spielzeit von hinten regelrecht angesprungen und ihm dabei sein rechtes Knie in den Rücken gerammt. Neymar blieb vor Schmerzen schreiend auf dem Rasen liegen, während das Spiel zunächst weiterlief. Als sich der spanische Schiedsrichter Carlos Velasco Carballo dann doch bequemte, das Spiel endlich zu unterbrechen, tat er das lediglich, um den Abtransport Neymars vom Spielfeld auf einer Trage zu ermöglichen. Der Übeltäter kam gänzlich ungeschoren davon. Im Krankenhaus wurde schließlich festgestellt, dass Neymar einen Bruch des dritten Lendenwirbels erlitten hat. Bei der WM wird Brasiliens wichtigster Spieler nicht mehr zum Einsatz kommen. Er kann von Glück reden, dass die Diagnose nicht noch niederschmetternder ausfiel.

Der vorsätzliche Angriff auf Neymars körperliche Unversehrtheit ist der traurige Höhepunkt einer WM, bei der die Unparteiischen auffallend häufig Milde walten lassen. Das lässt sich auch in Zahlen ausdrücken: Im Vergleich zur WM vor vier Jahren in Südafrika ist die Anzahl der gelben Karten um knapp 40 Prozent (!) zurückgegangen, obwohl das Spiel an Tempo und Dynamik weiter zugenommen hat. Ein Zufall ist das sicherlich nicht, genauso wenig sind die Schiedsrichter für die erkennbare Verrohung auf dem Platz alleine verantwortlich. Es scheint vielmehr so zu sein, dass die FIFA im stillen Kämmerlein beschlossen hat, dass Show und Spektakel wichtiger sind als die Gesundheit der Sportler. Referees, die sich weigern, den Richtlinien des Weltfußballverbandes und seines geldgeilen Präsidenten Josef Blatter gehorsam Folge zu leisten, werden gnadenlos aussortiert. Neymar hat das mit seinem vorzeitigen WM-Aus bezahlt, andere werden früher oder später sein Schicksal teilen. Weil die FIFA das so will. Auf der anderen Seite werden vergleichsweise lächerliche Vergehen nach wie vor auf der Stelle verwarnt. Die von der ersten Sekunde an knüppelhart geführte Partie in Fortaleza ist dafür ein exemplarischer Beleg: Thiago Silva sah die erste Karte des Spiels überhaupt erst in der 65. Minute – weil er den kolumbianischen Torwart David Ospina beim Abstoß behindert hatte.

Immerhin untersucht die Disziplinarkommission der FIFA jetzt nachträglich Zunigas rüdes Foul. Doch der Schaden ist bereits angerichtet – und das weit über diesen schlimmen Einzelfall hinaus.

Hummels, Hummels!

Und er bewegt sich doch: Gerade noch rechtzeitig hat unser hochverehrter Bundes-Jogi eingesehen, dass 80 Millionen Co-Trainer einfach nicht irren können. Also durfte Phillip Lahm im Viertelfinalmatch gegen Frankreich wieder da ran, wo er am besten und wertvollsten ist – rechts hinten in der Abwehr. Warum nicht gleich so? Mann, Mann, Mann. Doch Lahms Rückversetzung auf seine angestammte Position war nicht die einzige Überraschung in der deutschen Startaufstellung. Der wieder genesene Mats Hummels sorgte mit Jerome Boateng statt Per Mertesacker für die notwendige Innenabdichtung der deutschen Verteidigungslinien, während Miro Klose erstmals von Anfang an auf Torejagd ging. Im Mittelfeld setzte Löw auf die bewährte Doppelsechs mit Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger. Warum Benedikt Höwedes auf der linken Außenbahn bei den eigenen Mitspielern immer noch Angst und Schrecken verbreiten darf, erschließt sich dem aufmerksamen Beobachter allerdings nach wie vor in keiner Weise.

Zugegeben: Es haben nicht alle Umstellungen so funktioniert, wie Sie sollten, aber der hart erkämpfte 1:0-Sieg und der damit verbundene vierte Einzug in ein WM-Halbfinale in Folge hat gezeigt, wie Deutschland tatsächlich den Titel holen kann – mit högschder Disziplin, Teamgeist und Mats Hummels. Der Dortmunder zeigte zum wiederholten Mal nicht nur eine Weltklasseleistung, er köpfte nach Freistoßflanke von Toni Kroos auch das Tor des Tages. Den hochgelobten Franzosen fiel dagegen wenig bis gar nichts ein. Zwar musste der zum reinen Torwart geschrumpfte Manuel Neuer seine außergewöhnlichen Fähigkeiten erneut unter Beweis stellen, aber in echte Verlegenheit wurde der Bayern-Keeper nicht gebracht. Der deutsche Sieg war am Ende hochverdient und wäre sogar noch höher ausgefallen, wenn der eingewechselte Andre Schürrle seine beiden Hundertprozenter im französischen Kasten versenkt hätte.

In der Vorschlussrunde trifft Deutschland am kommenden Dienstag um 22.00 Uhr in Belo Horizonte nun auf Brasilien. Die Seleção setzte sich in einem allenfalls sehr entfernt mit halbwegs erträglicher Spielkunst verwandten wilden Getrete und Gebolze denkbar knapp mit 2:1 gegen Außenseiter Kolumbien durch. Dabei überzeugte der WM-Gastgeber ausschließlich in kämpferischer Hinsicht, alles andere erinnerte fatal an übelstes Hilflosgerumpel aus der verstaubtesten Mottenkiste der Fußballgeschichte. Sorgen muss sich die deutsche Mannschaft auf jeden Fall nicht machen, zumal der brasilianische Erfolg sehr teuer erkauft wurde, denn neben dem wegen seiner zweiten gelben Karte im Turnier gesperrten Abwehrchef Thiago Silva wird Felipe Scolaris Team vor allem auf Neymar verzichten müssen, der nach einer rüden Attacke von Juan Zuniga kurz vor Spielende vom Feld getragen und sofort ins Krankenhaus gebracht wurde. Dort wurde bei Neymar der Bruch des dritten Lendenwirbels festgestellt. Brasiliens Superstar wird bei der WM nicht mehr zum Einsatz kommen. Bedanken darf er sich dafür unter anderem beim viel zu nachsichtigen spanischen Schiedsrichter Carlos Velasco Carballo, der sich leider erst in der Schlussphase des Spiels dazu durchringen konnte, wenigstens die brutalsten Fouls abzupfeifen.

Spielstatistiken

Frankreich – Deutschland 0:1 (0:1)

0:1 Hummels (13.)

Brasilien – Kolumbien 2:1 (1:0)

1:0 Thiago Silva (7.)
2:0 Luiz (69.)
2:1 Rodriguez (80. | Elfmeter)

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Hitzfeld verrentet, Klinsmann raus, Löw beratungsresistent

Ottmar Hitzfeld hat in seinem langen Trainerleben zweifellos schönere Augenblicke als jenen verflixten Moment erlebt, in dem er kurz vor Ende des verlängerten Achtelfinalmatchs gegen Argentinien von jetzt auf gleich zum Fußballruheständler gemacht wurde. Der ansonsten eklig überheblich vor sich hin egomanisierende Angel di Maria hatte dank Lionel Messis genialem Zuspiel seinen einzigen tatsächlich großen Auftritt, als jeder schon mit einem Elfmeterschießen rechnete. Dass Hitzfelds Eidgenossen danach noch den Pfosten trafen, macht ihr Ausscheiden zwar ein wenig tragisch, alles in allem war der semiglückliche argentinische Sieg aber doch nicht ganz unverdient. Eine überzeugende Leistung hat der Titelkandidat von eigenen Gnaden allerdings auch im vierten Spiel nicht abgeliefert. Nach wie vor hängt das Team hoffnungs- und alternativlos am Messi-Kreativtropf, sollte der einmal plötzlich abgeklemmt sein, wird die Albiceleste in sich zusammenfallen wie jedes andere bruchbudige Kartenhaus auch.


Nichts gegen lange Haare – aber gepflecht müssense sein!

Das Bemerkenswerteste an Belgien ist ohne jeden Zweifel der bei der WM in Brasilien offen zu Tage getretene eklatante Fachkräftemangel im heimischen Friseurgewerbe. Direkt dahinter rangiert aber schon die erstaunlich talentierte Kickerelite unseres kleinen Nachbarlandes. Die hat gegen Jürgen Klinsmanns bis zum Erbrechen fightende US-Boys in einer am Ende gesundheitsgefährdend dramatischen Fußballschlacht knapp die Oberhand behalten und damit den Einzug in die nächste K.O.-Runde perfekt gemacht, in der die Elf von Coach Marc Wilmots nun die Schweiz rächen darf. Das wird jedoch nur dann funktionieren, wenn man die bei etwa 99,9 Prozent liegende Torchancenauslassungsquote auf ein halbfinalverträgliches Minimum senken kann.

In der nach dem furchtbaren 2:1 gegen Algerien etwas aufgeschreckten deutschen Medienlandschaft scheint sich unterdessen endlich die längst überfällige Erkenntnis durchzusetzen, dass Joachim Löw beim DFB allenfalls als Bundesluftpumpenwart eine weitere berufliche Perspektive haben sollte. Die Frankfurter Rundschau fasst das stellvertretend für alle anderen so zusammen:

Ein Trainer wird auch immer daran gemessen, ob er zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Personalentscheidungen trifft. Joachim Löw hat vor der Bibber-Begegnung gegen Algerien eine grotesk falsche Entscheidung getroffen, und es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre das ähnlich folgenreich geworden wie vor zwei Jahren gegen Italien. Diesmal kam die deutsche Mannschaft mit dem Schrecken davon. Aber natürlich hätte Shkodran Mustafi niemals zur Startelf gehören dürfen.

Von den Herren Höwedes, Götze und Özil ganz zu schweigen. Was mir persönlich am meisten auf die Nüsse geht, hat ja nichts damit zu tun, dass wiederholt schlecht gespielt wurde, sondern vielmehr damit, dass der Bundestrainer wider besseren Wissens immer wieder dieselben stümperhaften Aufstellungs- und Taktikfehler begeht. Das grenzt fast schon an Vorsatz. Und nichts anderes ist für die – freundlich ausgedrückt – suboptimalen Resultate auf dem Platz verantwortlich. Entweder legt Löw also seine selbstherrliche Besserwisserei ganz schnell ab – oder er muss weg. Bevor er weiteren Schaden anrichten kann. Ende der Durchsage.

Spielstatistik

Argentinien – Schweiz 1:0 n.V. (0:0, 0:0)

1:0 di Maria (118.)

Belgien – USA 2:1 n.V. (0:0, 0:0)

1:0 De Bruyne (93.)
2:0 Lukaku (105.)
2:1 Green (107.)

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Trotz Löw im Viertelfinale

Ich muss meine Pläne für den nächsten Freitag doch nicht über den Haufen werfen. Ich werde also zwei Stunden früher Feierabend machen, damit ich um genau 17.45 Uhr zur Punktlandung auf mein mittlerweile diverse Angstschweißaromen emittierendes Stadionsofa ansetzen kann, vor der mein per Zeitschaltuhr angeknipstes Hochauflösungsfernsehempfangsgerät bereits sehnsüchtigst darauf wartet, von meiner bloßen Anwesenheit ein weiteres Mal wohlverdient geadelt zu werden. Schön, wenn man so bedingungslos geliebt wird.

Es hätte aber auch ganz anders kommen können. Weil der komplett beratungsresistente Bundestrainerlaiendarsteller Joachim Löw ums Verrecken nicht einsehen will, dass die von ihm in offenbar völliger geistiger Umnachtung ersonnene Wackelabwehrformation mit den Herren Mustafi rechts und Höwedes links bei jedem gegnerischen Angreifer nahezu minütlich multiple Orgasmen verursacht. Weil Löw immer noch nicht kapiert hat, dass Philipp Lahm als Sechser im Mittelfeld ungefähr so wertvoll ist wie ein Sack voller Sand mitten in der Sahara. Weil Löw in der kontrollierten Offensive nach wie vor auf die übelst formschwachen Özil und Götze setzt. Und weil sich Löw ganz vorne alleine auf die zweifellos großartige Fußballkunst eines Thomas Müller verlässt, obwohl Miro Klose auf der Bank inzwischen so laut und ungeduldig mit den Hufen scharrt, dass nur ein so volltauber Ignorant wie Löw ihn nicht hört. Das erschreckend Schlimme daran ist, dass es trotzdem zum Titel reichen kann. Das wäre dann aber nicht Löws Verdienst, sondern ausschließlich der überragenden Qualität der deutschen Hochbegabtenauswahl geschuldet. Selbst ein Joachim Löw wird den ultimativen Erfolg unter Umständen nicht länger verhindern können.

Im Viertelfinale heißt der Gegner nun Frankreich, das sich mit 2:0 reichlich lauwarm gegen Nigeria durchgesetzt und sich dabei genauso wenig mit Ruhm bekleckert hat wie die deutsche Elf beim knappen 2:1 gegen streckenweise stark aufspielende Algerier. Dass sich die Nordafrikaner am Ende lediglich jede Menge Respekt und Anerkennung verdienen konnten, ist zum Großteil übrigens dem wunderbar alles und jeden abräumenden Torwartliberostaubsauger Manuel Neuer zu verdanken. Für so einen Keeper würden beispielsweise die Engländer ohne mit der Wimper zu zucken einen oder zwei kleine Morde begehen. Und wer bitte schön könnte das nicht verstehen? Eben.

Spielstatistik

Frankreich – Nigeria 2:0 (0:0)

1:0 Pogba (79.)
2:0 Yobo (90.+2 | Eigentor)

Deutschland – Algerien 2:1 n.V. (0:0, 0:0)

1:0 Schürrle (92.)
2:0 Özil (120.)
2:1 Dschabou (120.+1)

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Das Grauen hat ein Ende

Ich dachte bisher, dass Zombies nicht wirklich das Licht ausblasen werden kann. Insofern haben mich die Costa Ricaner durch ihren Achtelfinalsieg gegen die seit mindestens 10 Jahren untot agierenden Wiedergänger aus Griechenland glücklicherweise eines Besseren belehrt. Herzlichen Dank dafür – auch wenn es erst der unwiderstehlichen Magie eines profanen Elfmeterschießens bedurfte, um die griechischen Ballquäler endgültig um die Ecke zu bringen.


Der herrlich zauberhafte Moment, in dem die Fußballzombies vom kollektiven sudden death ereilt wurden

Gerecht war das längst überfällige Spontanableben der Griechen aber auf jeden Fall, denn dieses Team – eine fatale Mischung aus unbeweglichen Maurergesellen und weitgehend talentfreien Rumpelfüßlern – hatte in der K.O.-Runde dieser WM ganz sicher nicht das Geringste verloren. Natürlich hat auch Costa Ricas Fußballkunst eher den Charakter einzelhandelsüblicher Hausmannskost, aber die ziehe ich der griechischen Nulldiät immer vor. Zu modernem Fußball gehört doch mehr als laufen, rennen und gelegentlich ein Duseltor schießen. Wenn ich ein Glücksspiel sehen will, schaue ich mir die Ziehung der Lottozahlen an. In diesem Sinne kommt bitte gut nach Hause, aber nie mehr zurück, liebe Griechen.

Spielstatistik

Costa Rica – Griechenland 6:4 n.E. (0:0, 1:1)

1:0 Ruiz (52.)
1:1 Socratis (90.+1)

Elfmeterschießen

2:1 Borges
2:2 Mitroglou
3:2 Ruiz
3:3 Lazaros
4:3 Gonzales
4:4 Holebas
5:4 Campbell
Gekas verschießt
6:4 Umana

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Holland hebt ins Viertelfinale ab

Fußball ist ein furchtbar grausames und ungerechtes Spiel. Jede Mexikanerin und jeder Mexikaner wird Ihnen diesen Satz heute unterschreiben. Warum Mexiko sein Achtelfinalmatch gegen die Niederländer in den letzten Minuten noch verloren hat, wird vermutlich nicht einmal Oranje-Coach Louis van Gaal wissen. Die einfachste Erklärung ist wohl die, dass Holland verdammt viel unglaubliches Glück hatte – und einen Arjen Robben, der in der spielentscheidenden Szene nichts anderes als einen Elfmeter haben wollte. Und den bekam er auch. Weil Mexikos Marquez ihn tatsächlich berührt hatte, vor allem aber, weil im Strafraum keiner so theatralisch abheben kann wie Robben. Um nicht missverstanden zu werden: Den Strafstoß konnte man schon geben. Aber er steht sinnbildlich dafür, auf welch minderwertige Art und Weise die Niederländer das Spiel unverdient gewonnen haben: hässlich, aber effektiv.


Arjen Robben: Nun berühr‘ mich doch endlich einer, ich bin doch schon abgesprungen!

Dass Mexiko bis zur 88. Minute das bessere Team gewesen war, dass Holland bis dahin so gut wie nichts zustande gebracht hatte, für all das können sich die todtraurigen Mittelamerikaner nun nichts mehr kaufen. Was bleibt, ist die überaus positive Erinnerung an eine tolle Mannschaft, die sich mit Herz, noch mehr Leidenschaft und einem unfassbar fantastischen Teufelskerl namens Guillermo Ochoa im Tor viele Sympathien erspielt hat.

Spielstatistik

Niederlande – Mexiko 2:1 (0:0)

0:1 dos Santos (48.)
1:1 Sneijder (88.)
2:1 Huntelaar (90.+4 | Elfmeter)

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Die Jochim-Löw-Variante des Bullshit-Bingos

Sagen Sie mal, Herr Löw, geht es eigentlich noch? Ja? Das glaube ich nämlich nicht, wenn ich lese, was Sie kürzlich aus sicher herausblubbern ließen. Ich darf Sie mal zitieren:

Die Süd- und Mittelamerikaner wollen auf ihrem Kontinent zeigen, wie gut sie sind. Sie sind unglaublich laufstark, sie wollen sich beweisen – und das klappt. Auch weil sie es gewohnt sind, auch mal mittags zu spielen, unter klimatischen Bedingungen, die wir nicht kennen, […].

Aha. Dumm nur, dass die Fakten den groben Unfug, den Sie da verzapft haben, überhaupt nicht bestätigen. Dass nur eine einzige (!) mittelamerikanische Mannschaft mehr im Achtelfinale als vor vier Jahren steht (die südamerikanische Quote blieb gleich), ging nicht zu Lasten der Europäer, sondern auf das Konto der asiatischen Teams, die sich schon in der Gruppenphase komplett verabschiedet haben. Afrika hat übrigens auch eine Mannschaft mehr als 2010 in Südafrika in die ersten K.O.-Runde gebracht. Und noch etwas: Die Ausdehnung zwischen Mittel- und Südamerika beträgt viele Tausend Kilometer. Da herrscht nicht überall dasselbe Klima, das ist ja selbst innerhalb Brasiliens nicht so. Aber wahrscheinlich ist es für Sie in Europa auch überall gleich warm und feucht. Mann, Mann, Mann. Doch weiter im sinn- und zusammenhanglosen Schwafeltext:

Ich habe noch nie erlebt, dass so große Nationen so früh ausgeschieden sind.

Ach nein? Wo waren Sie dann eigentlich 2010, hm? In Südafrika können Sie jedenfalls nicht gewesen sein, denn damals haben mit Frankreich und Italien gleich beide Endspielteilnehmer der WM 2006 in Deutschland ebenfalls bereits in der Vorrunde sang-, sieg-, ehr- und klanglos den Löffel abgegeben. Erlauben Sie mir deshalb also bitte eine Frage, Herr Löw:

Warum nur erzählen Sie solch einen Bullshit?

Uruguay zahnlos, Kolumbien fluffig

Die durch die Sperre von Nachwuchsmetzger Luis Suarez etwas schwächelnd daher kommenden Uruguayer unterlagen in ihrem Achtelfinalmatch Kolumbien heute Abend äußerst verdient mit 0:2. Tragisch: Gerade an den südamerikanischen Erdteilnachbarn wäre doch so unheimlich viel abzunagen gewesen. Aber die unfreiwilligen Neu-Vegetarier machten nach der weltweiten Kritik an ihrem Essverhalten auf dem Platz ernst mit ihrem von imposanter Eingeschnapptheit begleiteten körperlosen Spiel und kamen deshalb nicht einmal in die Nähe der Viertelfinal-Fleischtöpfe. Die Kolumbianer dagegen bewiesen mit ihrer erfrischend offensiven Art, dass rein pflanzliche Nahrung beim Gegner zu signifikanten Tormangelerscheinungen führt.

Man muss wohl kein Prophet sein, um vorhersagen zu können, wem ganz Uruguay nun die Schuld für das eigene Scheitern zuschieben wird. Beißer Suarez ist ja mittlerweile quasi zum unantastbaren Märtyrer mutiert, während der Rest des Planeten natürlich nie etwas anderes im Sinn hatte, als das kleine unschuldige und von lauter bösen Feinden regelrecht umzingelte Land mit unlauteren Mitteln niederzumachen. Geschenkt. Wenn den Einheimischen dabei einer abgeht, sei ihnen das von Herzen gegönnt. Die anderen spielen bei der WM einfach weiter sauberen Fußball und schütteln ob des grotesken Heulgesuses in Uruguay kollektiv die Köpfe. Ende Gelände.

Spielstatistik

Kolumbien – Uruguay 2:0 (1:0)

1:0 Rodriguez (28.)
2:0 Rodriguez (50.)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Chile elfert sich raus

Die älteste offene Frage der Menschheit ist endlich beantwortet: Wer übernimmt die Rolle der armen Elfmeter-Deppen, wenn die Engländer gar nicht mehr schießen dürfen, weil sie schon längst zuhause sind? Dummerweise haben sich die Chilenen dazu bereit erklärt, den Platz der wenigstens beim Versagen immer triumphierenden Angeln und Sachsen einzunehmen. Schade. Wirklich sehr schade, denn verdient hätte Chile den Einzug ins Viertelfinale allemal gehabt. Doch Brasilien hatte in den entscheidenden Momenten dieses Spiels die besseren Nerven und vor allem wesentlich mehr Dusel. Die Mannen um Turbolader Neymar haben zwar eine eine reichlich minderwertige Vorstellung abgeliefert und kurz vor dem Ende der Verlängerung sämtliche Fußballgötter und deren lattenbeflügelte Engelsgehilfen an ihrer Seite, als Chiles Pinilla die Murmel mit dem Vorschlaghammer satt an den Querbalken nagelte, aber am Ende fragt ja niemand mehr, mit wie viel verdammtem Glück man sich durchgesetzt hat.


Creative-Commons-Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0 DE (Autor: Dietmar Näher)

Brasilien sollte sich allerdings nicht täuschen: Wenn dieses jeden Gegner so oft um Gegentore regelrecht anbettelnde Ensemble aus offensiven Einzelkönnern und kreisklasseartig agierenden Abwehrstümpern nicht schleunigst ein paar Gänge zulegt, dann wird die Seleção kein Elfmeterschießen der Welt mehr retten können. Weil sie ihre Hütte nämlich vorher schon voll bekommen haben.

Spielstatistik

Brasilien – Chile 4:3 n.E. (1:1, 1:1)

1:0 Luiz (18.)
1:1 Sanchez (32.)

Elfmeterschießen

2:1 Luiz
Pinilla verschießt
Willian verschießt
Sanchez verschießt
3:1 Marcelo
3:2 Aranguiz
Hulk verschießt
3:3 Diaz
4:3 Neymar
Jara verschießt

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Geschichtsstunde

Nach einem elend langen und von schwersten Depressionen geprägten Tag ohne auch nur ein einziges Fußballspiel beginnt mit den ersten beiden Achtelfinalpartien heute Abend endlich die entscheidende Phase der WM in Brasilien. Schauen wir uns also einmal an, wie die 16 Teams bisher gegeneinander gespielt haben (und zwar immer aus Sicht der zuerst genannten Mannschaft):

Mannschaft
Mannschaft
Spiele
Siege
Unentschieden
Niederlagen
Statistische Tendenz
Brasilien
Chile
68
48
13
7
Brasilien
Kolumbien
Uruguay
30
9
5
16
Uruguay
Niederlande
Mexiko
4
1
1
2
Mexiko
Costa Rica
Griechenland
0
0
0
0
Frankreich
Nigeria
0
0
0
0
Deutschland
Algerien
2
0
0
2
Algerien
Argentinien
Schweiz
4
3
1
0
Argentinien
Belgien
USA
3
2
0
1
Belgien

Wir deutschen Fußballfans müssen uns trotz der durchweg negativen Länderspielbilanz gegen Algerien keine wirklich großen Sorgen machen. Beide verlorenen Spiele liegen nämlich lange zurück. Das erste fand 1964 in Algier statt, der Bundestrainer hieß damals noch Sepp Herberger – und in der deutschen Startelf standen so bekannte Kickergranaten wie etwa die Herren Ewert, Lutz, Kurbjuhn, Wilden, Reisch, Schmidt oder Gerwien. Von denen schaffte es zwei Jahre später nur Friedel Lutz in den Kader für die WM in England, kam dabei aber lediglich in der Vorschlussrunde gegen die UdSSR zum Einsatz.

Das bislang letzte und weitaus bedeutendere Aufeinandertreffen fand 1982 bei der WM in Spanien statt – und das von Jupp Derwall betreute Team zog in der Gruppenphase mit 1:2 erneut das kürzere Hölzchen. Das Ergebnis dieses Spiels führte in letzter Konsequenz zur Schande von Gijon. Leidtragender des offensichtlichen Nichtangriffspakts zwischen Deutschland und Österreich war die algerische Mannschaft, die wegen der passgenauen 0:1-Niederlage Österreichs aufgrund des dadurch immer noch schlechteren schlechteren Torverhältnisses ausschied. Deutschland wurde später Vizeweltmeister, bekleckerte sich auf dem Weg dahin aber auch weiterhin nicht mit Ruhm – ganz im Gegenteil: Im ansonsten überragenden Halbfinale gegen Frankreich sprang Torwart Toni Schumacher Patrick Battiston mit Anlauf und den Knien voraus frontal ins Gesicht, so dass der Franzose anschließend für kurze Zeit bewusstlos war. Battiston erlitt eine Gehirnerschütterung und Wirbelverletzungen, außerdem verlor er zwei Zähne. Das vielleicht brutalste Foul der Fußballgeschichte wurde vom Schiedsrichter übrigens nicht geahndet. Und Schumacher glaubte, nach dem Spiel auch noch einen Scherz machen zu müssen:

Wenn es nur die Jacketkronen sind, die bezahle ich ihm gerne.

Ich war damals 17 Jahre alt. Niemals davor und niemals danach habe ich mich so geschämt, Anhänger des DFB-Teams zu sein.

FIFA: Kein Verfahren gegen Sakho und Giroud

Inkonsequenz hat vier Buchstaben: FIFA. Während Beißer Luis Suarez zu Recht für längere Zeit aus dem Verkehr gezogen wurde, lässt man Frankreichs Schläger Mamadou Sakho und Olivier Giroud, die ihre Gegenspieler im Vorrundenspiel gegen Ecuador mit erkennbar absichtlichen Ellbogenchecks attackiert hatten, ungestraft davon kommen. Sakho meinte nach dem Spiel, er habe sich lediglich verteidigt. Wogegen denn? Gegen einen Kontrahenten, der ihn unverschämterweise am Tore erzielen hindern wollte? Dabei lässt sich zumindest bei Sakho ebenfalls ein gewisses Muster ausmachen, denn der 24-jährige Verteidiger vom Suarez-Club FC Liverpool ist schon einmal als unbeherrschter Prügler in Erscheinung getreten. Vor knapp fünf Jahren griff Sakho einen Journalisten auf dem Trainingsgelände von Paris Saint-Germain tätlich an und beleidigte ihn übel, weil der einen Artikel geschrieben hatte, in dem Sakho nicht gut weggekommen war. Konsequenzen hatte der Vorfall damals aber genauso wenig wie der Ellbogenschlag jetzt.

Olivier Giroud dagegen ist bei der WM vor dem Ecuador-Spiel durch den Tritt ins Gesicht des Schweizer Abwehrspieler Steve van Bergen noch negativ in Erinnerung, bei dem sich van Bergen einen Bruch des linken Augenhöhlenbodens zuzog. Eine Absicht konnte man Giroud hier zwar nicht unterstellen, aber in Kopfhöhe des Gegenspielers hat der Fuß grundsätzlich überhaupt nichts zu suchen. Für van Bergen war die WM anschließend beendet, Giroud durfte ohne Verwarnung einfach weitermachen.

Das Problem – nicht nur bei der laufenden WM – sind immer häufiger Spieler, die krankhaft ehrgeizig völlig rücksichtslos austeilen, die weder die eigenen Gliedmaßen noch ihre Emotionen im Griff haben, dafür aber nur in seltenen Ausnahmefällen angemessen büßen müssen. Das führt einerseits zu einer beängstigend zunehmenden Verrohung des Sports und produziert andererseits jede Menge Nachahmer. Das gerade von der FIFA so oft scheinheilig beschworene Fairplay auf und außerhalb des Platzes? Drauf geschissen. Uns Fans bleibt da kaum etwas anderes übrig, als mit Ironie und Sarkasmus zu reagieren. Auch wenn uns Hohn und Spott dabei manchmal im Hals stecken bleiben.

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!

Mit dem neuen Freistoßschaum hat Hollands Nationalspieler Wesley Sneijder seine liebe Not. Grund:

‚Das ist ein mentales Hindernis. Wenn man den Freistoß tritt, hat man das Gefühl, dass da eine Wand steht‘, […].

Nein, nein, Wesley, da ist so nicht richtig. Da steht nämlich immer öfter tatsächlich eine Wand, wie hier im Vorrundenspiel Schweiz gegen Ecuador:


Originalfoto: Cecilia Heinen

Uruguay nimmt übel

Drakonisch, aber mehr als gerecht: Die FIFA hat Uruguays Stürmerstar Luis Suarez (Foto links) nach dessen Beißattacke gegen Giorgio Chiellini in der Vorrundenpartie gegen Italien für neun Pflichtländerspiele gesperrt. Wiederholungstäter Suarez, der aktuell beim FC Liverpool unter Vertrag steht, darf in den nächsten vier Monaten auch nicht für seinen derzeitigen oder irgendeinen anderen Verein auflaufen und muss zudem eine Geldstrafe in Höhe von umgerechnet rund 82000 Euro bezahlen und erhielt für die Dauer der Sperre ein weltweit gültiges Stadionverbot.

Und nun nimmt Urugay übel. Mächtig übel.

Obwohl man ja eigentlich meinen sollte, dass die Südamerikaner ein lebhaftes Interesse daran haben müssten, dass nicht länger über das übelste Foul dieser WM gesprochen wird. Dass man sich für Suarez in Grund und Boden schämen würde, wenn der das schon nicht tut, weil er lieber die zu Unrecht verfolgte Unschuld von Lande spielt. Aber nichts dergleichen passiert, ganz im Gegenteil: Schon vor dem Urteil schaltete sich sogar Staatspräsident Jose Mujica ein und meinte allen Ernstes, Suarez werde schließlich nicht dafür gelobt, ein großer Philosoph, Mechaniker oder Mensch mit guten Manieren zu sein, sondern ein guter Fußballspieler. Dass dazu selbstverständlich auch gehört, Gegenspieler nicht absichtlich zu verletzen, hat sich bis nach Uruguay offenbar noch nicht herumgesprochen.

Gegen den Spruch der Disziplinarkommission hat der Verband Uruguays mittlerweile Einspruch eingelegt. Ob das besonders schlau ist, weiß ich nicht. Interessant ist jedoch vor allem, wie sich Verbandspräsident Wilmar Valdez in diesem Zusammenhang verhält. Er bezeichnete die Strafe nämlich als total übertrieben. Sicherlich nicht ohne Wissen von Valdez soll man von Seiten Uruguays auch versucht haben, die von Suarez vorsätzlich begangene Körperverletzung mit einem 17-seitigen Bericht und mehreren Videos von Unsportlichkeiten anderer WM-Spieler zu relativieren. Als ob es da irgendetwas zu verharmlosen gäbe.

In der uruguayischen Politik wird der Ton derweil immer schärfer. Da ist von einer exzessiven Strafe die Rede, von Lynchjustiz im 21. Jahrhundert, von einer angeblichen Hinrichtung, deren Ausführung lediglich noch eines elektrischen Stuhls bedürfe. Noch dämlicher äußerte sich übrigens Argentiniens Fußball-Scheinheiliger Diego Maradona. Aber was will man von einem Ex-Junkie und überführten Dopingbetrüger, der selbst Kontakte zur Camorra pflegte, schon anderes erwarten.

Manchmal kann man wirklich nicht so viel essen, wie man kotzen möchte. Bleibt zu hoffen, dass das Urteil in der nächsten oder einer weiteren Instanz nicht abgemildert wird.

Foto: Badudoy

Der Schiedsrichter ist halt immer schuld

Zugegeben: Die Schiedsrichter machen bei dieser WM oft alles andere als eine gute Figur. Für Russlands vorzeitige Heimreise sind die Unparteiischen natürlich trotzdem nicht verantwortlich, auch wenn der hochbezahlte russische Coach Fabio Capello nach dem Unentschieden gegen Algerien ins Mikrofon rotzte, dass er nicht verstehen könne, warum die Referees sein Team nicht mögen. Dafür gäbe es zwar allerhand gute Gründe, und man ist irgendwie auch versucht, Signore Capello zu fragen, warum er seiner Mannschaft keine moderne Fußballphilosophie vermittelt hat, aber speziell dem türkischen Pfeifenmann Cüneyt Cakir und seinen Assis war wirklich überhaupt kein Vorwurf zu machen. Vielmehr hat Russland aufgrund fehlender sportlicher Qualität Schiffbruch erlitten, woran Herr Capello einen großen Anteil hat. Kein erkennbares taktisches Konzept, wenig Leidenschaft, dazu mit Algerien ein Gegner, der sich das Weiterkommen durch drei beherzte WM-Auftritte mehr als redlich verdient hat – an nichts anderem ist Russland gerechterweise gescheitert. Auf die Algerier wartet im Achtelfinale mit Deutschland jetzt allerdings eine wohl zu hohe Hürde. Hoffentlich.

Wenn eine Mannschaft alle drei Vorrundenspiele gewinnt, sollten normalerweise keine Fragen offen sein. Bei Belgien ist das nicht so, denn der vermeintliche Geheimfavorit des Turniers hat den Fans bis jetzt nur ärmliche Magerkost geboten. Man weiß in der Tat nicht, warum so ein elend lustloses Minimalistengebolze für neun Punkte und damit zum Sieg in Gruppe H gereicht hat. In der Partie gegen noch schlechtere Südkoreaner fiel Sportskamerad Steven Defour zudem noch mit einem ebenso unnötigen wie absichtlichen Tritt gegen Koo Ja-cheol auf, der vom australischen Schiedsrichter Williams korrekt mit glatt Rot bestraft wurde. Belgien trifft nun auf die USA – und wenn mich nicht alles täuscht, haben die Klinsmen große Chancen, dieses Duell für sich zu entscheiden.

Spielstatistik

Algerien – Russland 1:1 (0:1)

0:1 Kokorin (6.)
1:1 Slimani (60.)

Belgien – Südkorea 1:0 (0:0)

1:0 Vertonghen (78.)

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Sorglos ins Achtelfinale geschwommen

Der beste Mann auf dem Platz war der Rasen. Wie das satte Grün von Recife vor und während des Endspiels um Platz eins in Gruppe G zwischen den USA und Deutschland die ununterbrochene tropische Turbonässe von oben stundenlang souverän meisterte, war schon absolute Weltklasse. Reschpekt! Im Ernst: Das hochverdiente 1:0 unserer Jungs gegen die Klinsmen drückt die Überlegenheit des deutschen Teams über fast die gesamte Matchdauer nicht wirklich adäquat aus. Die Amerikaner waren – abgesehen von ganz wenigen unaufmerksamen deutschen Momenten – von einem Punktgewinn oder gar einem Sieg überraschend weit entfernt. Größter Schwachpunkt im deutschen Spiel war die mangelnde Präzision beim letzten Pass. Auch bei der Chancenverwertung ist noch genügend Luft nach oben vorhanden. Das gilt noch mehr für die wieder einmal suboptimale Leistung des Schalker Linksverteidigers Benedikt Höwedes, der offensiv gar nichts leistet und defensiv ausschließlich als erheblicher Unsicherheitsfaktor in Erscheinung tritt. Absolut bewährt hat sich dagegen Bastian Schweinsteigers Einsatz von Beginn an, während Lukas Podolski vorne links oft in der Luft hing und keinerlei Bindung zum Spiel fand. Auf Dauer wird auch ein eiskalter Thomas Müller nicht ausreichen, um gegen stärker werdende Gegner bestehen zu können. Miro Klose gehört einfach in die Startelf. Basta. Insgesamt aber war die konzentrierte Vorstellung der deutschen Elf im Vergleich zum vogelwilden 2:2 gegen Ghana eine beeindruckende Leistungssteigerung zum richtigen Zeitpunkt. Deutschland wird in dieser Form im weiteren Turnierverlauf nur sehr schwer zu bezwingen sein.


Walter-Eschweiler-Gedächntiscrash: Dieses Mal blieb jedoch nicht der Schiri liegen …

Trotz der Niederlage haben sich auch Jürgen Klinsmanns US-Boys letztendlich etwas glücklich für das Achtelfinale qualifiziert. Ghana hätte Portugal allerdings schlagen müssen, um die USA zu überholen. Stattdessen sorgten Boyes ungeschicktes Eigentor und Cristiano Ronaldo höchstpersönlich für eine 1:2-Pleite. Den Portugiesen wurde zum Verhängnis, dass sie beim 0:4 gegen Deutschland viel zu nah am Wasser gebaut hatten und deshalb vor allem in der zweiten Hälfte wegen permanenter Heulsuserei weder willens noch in der Lage waren, das Ergebnis erträglicher zu gestalten. Das daraus resultierende miese Torverhältnis hat sich bei Punktgleichheit mit den Amerikanern nun dankenswerterweise gerächt.

Spielstatistik

USA – Deutschland

0:1 Müller (.)

Portugal – Ghana 2:1 (1:0)

1:0 Boye (31. | Eigentor)
1:1 Gyan (57.)
2:1 Ronaldo (80.)

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Baden vs. Württemberg

Der eine kommt aus dem südbadischen Schönau, der andere erblickte im schwäbischen Göppingen das Licht der Welt – und heute Abend treffen sie sich wieder: Joachim Löw und Jürgen Klinsmann. Was unterscheidet die beiden Freunde, was verbindet sie?

Joachim Jogi Löw war als Aktiver nur mäßig erfolgreich. Zwischen 1978 und 1995 spielte er in neun Erst- und Zweitligavereinen, über den deutschsprachigen Raum ist er dabei nicht hinaus gekommen. In den Nationalmannschaften des DFB war mit der U21 Schluss, Löw schaffte es nie in den A-Kader. Nach Beendigung seiner soliden, aber keineswegs überragenden Stürmerkarriere begann er seine Trainerlaufbahn zunächst in der Schweiz, bevor er 1995 zunächst als Assistenztrainer zum VfB Stuttgart wechselte. Ein Jahr später übernahm er dort den Posten des Chefcoachs und gewann mit dem schwäbischen Traditionsklub 1997 den DFB-Pokal. Obwohl Löw den VfB 1998 auch ins Endspiel um den Europapokal der Pokalsieger führte (das gegen Chelsea 0:1 verloren ging) und in der Bundesliga Platz vier erreichte, wurde er vom damaligen Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder entlassen. Danach kam der eigentlich bodenständige und bedächtige Löw über die Türkei, Karlsruhe und Österreich 2004 als Klinsmanns Co-Trainer zur Nationalmannschaft. Nach der grandiosen WM 2006 im eigenen Land wurde er Nachfolger von Jürgen Klinsmann als Bundestrainer. Seitdem erreichte das Team bei großen Turnieren immer mindestens das Halbfinale, ein Titel sprang jedoch nicht heraus. Löw steht für kreativen Offensivfußball und setzt dabei überwiegend auf junge Talente, von denen es in Deutschland dank Klinsmanns und Löws Nachwuchskonzept mittlerweile erfreulich viele gibt. Joachim Löw ist seiner 1986 mit seiner Frau Daniela verheiratet.

Jürgen Klinsmanns war als Spieler ungleich erfolgreicher Joachim Löw. Von den Stuttgarter Kickers kam er 1984 zum VfB Stuttgart. In 156 Bundesligaspielen schoss Klinsmann 79 Tore, in der Jahrhundertelf des VfB hat er deshalb seinen Platz genauso sicher wie auch VfB-Jahrhunderttrainer Joachim Löw. 1989 ging er zu Inter Mailand, wo er gemeinsam mit Lothar Matthäus und Andreas Brehme drei Jahre lang spielte. Nach Engagements in Monaco und Tottenham wurde Klinsmann 1995 vom FC Bayern verpflichtet. Nach zwei turbulenten Spielzeiten in München folgten Sampdoria Genua und erneut Tottenham Hotspurs, bevor Klinsmann seine letzten beiden Jahre als Spieler bei den Orange County Blue Stars in Kalifornien verbrachte. Für die Nationalmannschaft absolvierte Klinsmann 108 Länderspiele, seine 47 Tore im DFB-Dress werden nur von Miro Klose (70 Treffer) und Gerd Müller (68) übertroffen. Er gehörte zur Weltmeistermannschaft von 1990 und führte Deutschland als Kapitän in England zum Gewinn der Europameisterschaft 1996. Unmittelbar nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn übernahm Klinsmann 2004 die Nationalmannschaft als verantwortlicher Bundestrainer. Gemeinsam mit Joachim Löw und dem ebenfalls von ihm geholten Manager Oliver Bierhoff reformierte der konfliktfreudige und durchsetzungsfähige Klinsmann in der Folge gegen viele Widerstände im Verband fast den gesamten sportlichen Bereich des DFB. Die Erfolge seitdem sind untrennbar mit dem Namen Klinsmann verbunden. Nach dem knapp verpassten Finale der Heim-WM 2006 nahm er dennoch seinen Abschied und ging wieder in die USA. 2008 kehrte er zurück nach Deutschland und wurde zur Überraschung sämtlicher Beobachter Trainer des FC Bayern München, doch dort scheiterte der als großer Motivator geltende Klinsmann nach nur 10 Monaten. 2011 übernahm er seinen aktuellen Job als Coach des US-Nationalteams, im vergangenen Jahr siegte er mit den USA beim CONCACAF Gold Cup, den Kontinentalmeisterschaften für Nord- und Mittelamerika. Sein Vertrag mit dem US-Verband läuft noch vier Jahre. Jürgen Klinsmann heiratete 1996 das amerikanische Ex-Model Debbie Chin, mit der er einen Sohn (Jonathan) und eine Tochter (Laila) hat.

So unterschiedlich die beiden Charaktere und Lebenswege auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, so sehr haben Löw und Klinsmann den unbändigen Willen zum Erfolg gemeinsam. Genauso fest steht, dass die Nationalmanschaft ohne die beiden sicherlich anders aussehen würde. Der deutsche Fußball verdankt seinen exzellenten Ruf in der Welt in erster Linie Jürgen Klinsmann und Joachim Löw. Wie auch immer das Spiel in Recife und die WM in Brasilien insgesamt ausgehen: Das sollte vor allem hierzulande niemand vergessen.

Fotos: Steindy | Magnus Manske

Frankreich prügelt sich zum Gruppensieg, Schweiz trifft auf Messi

Frankreich hat mit seinen ersten beiden Auftritten in Brasilien einiges an verlorenem Ansehen wieder gewonnen und damit im eigenen Land eine Euphorie ausgelöst. Doch was nützt das schon, wenn man gleich im nächsten Spiel fast alles wieder zunichte macht. Gegen 10 Ecuadorianer, die nach einem berechtigten Platzverweis zu Beginn der zweiten Halbzeit nur noch mit 10 Mann agieren durften, reichte es für die Franzosen dank ihrer überaus laschen Einstellung lediglich zu einem schwachen 0:0. Weitaus schwerer wiegt allerdings, was sich die Herren Sakho und Giroud während der Begegnung leisteten. Bereits in der sechsten Minute versetzte Mamadou Sakho seinem Gegenspieler einen brutalen Ellbogenstoß, Olivier Giroud tat dasselbe in der Schlussphase. Der schwache Unparteiische und seine beiden genauso blinden Hilfspolizisten an den Außenlinien übersahen beides, was erneut die Frage aufkommen lässt, was die Schiedsrichter bei diesem Turnier eigentlich überhaupt mitbekommen.

Immerhin kann die FIFA in beiden Fällen nachträglich tätig werden und die beiden Rambos wenigstens vom weiteren Turnierverlauf ausschließen. Was für Luis Suarez gilt, muss auch für Sakho und Giroud ohne jede Einschränkung gelten. Da kann und darf es keine zwei Meinungen geben.

Ottmar Hitzfelds Schweizer dürfen sich nach der deftigen 2:5-Klatsche gegen Frankreich nun doch noch über den Einzug ins Achtelfinale freuen. Gegen stets bemühte Honduraner reichte Xherdan Shaqiris Dreierpack, um sich in Gruppe E relativ lässig den zweiten Platz zu sichern. Für die Eidgenossen geht es jetzt am kommenden Dienstag gegen Lionel Messis nicht gänzlich unbesiegbar erscheinende Argentinier. Ich kann mich nur wiederholen: Hopp Schwyz, hopp! Der Vollständigkeit halber: Frankreich wird sich in der ersten K.O.-Runde – hoffentlich ohne Sakho und Giroud – mit Nigeria um den Einzug ins Viertelfinale schlagen streiten.

Spielstatistik

Ecuador – Frankreich 0:0

Honduras – Schweiz 0:3 (0:2)

0:1 Shaqiri (6.)
0:2 Shaqiri (31.)
0:3 Shaqiri (71.)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Messi(as) schlägt Nigeria, Bosnier siegen umsonst

Spiele mit argentinischer Beteiligung waren bei dieser WM bisher ungefähr so aufregend wie das Spülprogramm meiner Waschmaschine. Heute allerdings fielen in den ersten fünf Minuten beider Halbzeiten sage und schreibe vier Tore. Dabei durfte Argentiniens Alleinunterhalter Lionel Messi genauso doppelt einlochen wie Nigerias Goalgetter Ahmed Musa. Dass die Gauchos trotzdem den dritten Sieg im dritten Spiel einfuhren, ist der grandiosen koordinativen Fehlleistung von Marcos Rojo geschuldet, der sich und die Murmel nach einem Eckstoß buchstäblich reinknien musste, obwohl der Treffer ursprünglich mit dem Kopf erzielt werden sollte. Puh, gerade nochmal gut gegangen!

Für Bosnien-Herzegowina ist das Turnier nach dem ersten Sieg schon beendet. Das war allerdings bereits vor dem Match gegen den Iran klar. Die Iraner hingegen hätten das Achtelfinale bei einem eigenen Dreier und einer gleichzeitigen Niederlage Nigerias gegen Argentinien noch erreichen können. Da beides nicht passiert ist, scheidet der Iran wie bereits 1978 und 1998 nach der Vorrunde aus. Immerhin reichte es noch zum Ehrentreffer durch einen Spieler, dessen Namen ich leider nicht aussprechen kann. Nachricht an mich selbst: Bis zur nächsten WM unbedingt Farsi lernen.

Spielstatistik

Nigeria – Argentinien 2:3 (1:2)

0:1 Messi (3.)
1:1 Musa (4.)
1:2 Messi (45.+2)
2:2 Musa (47.)
2:3 Rojo (50.)

Bosnien-Herzegowina – Iran 3:1 (1:0)

1:0 Dzeko (23.)
2:0 Pjanic (59.)
2:1 Ghoochannejhad (82.)
3:1 Vršajević (83.)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Rack & Win

Was ist auf dem rechten Bild anders? Hmmmmm …


Creative-Commons-Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0 DE (Dietmar Näher)

Na? Na? Gut, das ist jetzt schon ein bisschen verzwickt, aber wenn Sie lange genug hinschauen, sehen Sie es auch. Die richtige Lösung schicken Sie bitte an die Cannibal’s Association of Uruguay (CAU). Zu gewinnen gibt es unter anderem eine Gratis-Erlebnisnacht in der Hochsicherheitszelle von Hannibal Lecter sowie fünf zuzahlungsfreie Beißschienen der Firma Zahn & Knirsch.

Originalfoto: Ailura

Griechenland schlüpft unter ivorischen Rettungsschirm

Es gibt Dinge in Brasilien, die man sich nicht einmal in seinen wunderschönsten Tagträumen zu wünschen wagt. Zum Beispiel, dass Spanien, Italien und England fast gleichzeitig schon nach der Vorrunde die Koffer wieder packen müssen. Leider geschehen aber auch unfassbare Katastrophen. Wenn sich extrem grobmotorisch gehandicappte Ballmisshandler, deren irreparabel gestörtes Verhältnis zu Spielgerät und -idee ohnehin nur als sehr entfernt bezeichnet werden kann, das Achtelfinale einer WM ermauern, dann muss man das in der Tat zwingend als Desaster ungeheuersten Ausmaßes wahrnehmen. Die Griechen konnten dieses einem handelsüblichen Hütchenspielertrick verdächtig ähnliche Kunststück allerdings nur bewerkstelligen, weil die Ivorer quasi ganz alleine dafür sorgten, dass die Murmel gleich zweimal den Weg ins eigene Tor fand. Beim griechischen Führungstreffer wurde die Elfenbeinküste von einem plötzlichen Abwehrblackout heimgesucht – und vor dem entscheidenden 2:1 kurz vor dem Ende der Nachspielzeit der zweiten Halbzeit holte Verteidiger Sio Sportskamerad Samaras dann im Strafraum so tollpatschig von dessen unglückseligerweise irgendwie im Weg stehenden unteren Gliedmaßen, dass dem Schiedsrichter nur der gnadenlose Griff zur Trillerpfeife übrig blieb. Den fälligen Elfmeter verwandelte der Gefoulte selbst zum sofortigen Ausscheiden der Ivorer aus dem Turnier. So falsch, so ungerecht, so lächerlich kann Fußball sein.

Im anderen Schlussspiel der Gruppe C schickten die bereits für die nächste Runde qualifizierten Kolumbianer Japan mit einem unmissverständlichen 4:1 zurück ins Reich der aufgehenden Sonne. Im Achtelfinale trifft Kolumbien nun auf Erdteilnachbar Uruguay, während Costa Rica dem neuesten griechischen Fußballmirakel ein leider viel zu spätes Ende setzen wird. Hoffentlich.

Spielstatistik

Griechenland – Elfenbeinküste 2:1 (1:0)

1:0 Samaris (42.)
1:1 Bony (74.)
2:1 Samaras (90.+3 | Elfmeter)

Japan – Kolumbien 1:4 (1:1)

0:1 Cuadrado (17. | Elfemeter)
1:1 Okazaki (45.+2)
1:2 Martinez (55.)
1:3 Martinez (82.)
1:4 Rodriguez (90.)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Voglio un pizza chiellini, subito!

Falls die James-Bond-Produzenten den Beißer jemals reaktivieren, weiß ich schon heute, wer dafür auf jeden Fall zum Casting eingeladen wird: Luis Suarez. Nachdem sich der Stürmer aus Uruguay in der Vergangenheit bereits zweimal selbst für die Rolle des Bösewichts ins Gespräch gebracht hatte (siehe hier und hier), bewarb sich der 27-Jährige vom FC Liverpool heute im letzten Gruppenspiel seiner Mannschaft gegen Italien erneut um jenen Part, den Richard Kiel in den achtziger Jahren so überaus charmant auf der Leinwand verkörperte:

Ich meine, das muss man schon verstehen: Da läufst du dir auf dem Platz einen Wolf, kriegst vorm Seitenwechsel vom Coach nur einen lauwarmen Grüntee eingetrichtert und musst dann ohne Sonnenschutzfaktor 50 wieder raus in die Bullenhitze. Da kann man nach fast 80 Minuten schon mal hungrig werden. Und was böte sich bei einem Match gegen Italien außer einem leckeren Stück Pizza Chiellini denn sonst noch an? Eben. Im Ernst: Wenn die FIFA Wiederholungskannibale Suarez nicht mindestens für 10 Spiele sperrt, dann nehme ich das aber so was von übel. Jawohl.

Vom Match selbst kann ich nur berichten, dass ich mir nicht sicher bin, ob die beiden Teams wussten, dass der Sport Fußball heißt und wie dieser gespielt wird. In dem Wissen, dass man bei einem Unentschieden das Achtelfinale erreichen würde, beschränkte sich die Squadra Azzurra weitestgehend auf das hin- und hergeschobene Halten des 0:0. Die zum Siegen verdammten Südamerikaner wollten möglicherweise mehr, konnten aber definitiv nicht – bis Schiedsrichter Marco Rodriguez Italiens Marchisio wegen eines groben Fouls vorzeitig zum Duschen schickte. Dann übersahen der mexikanische Unparteiische und seine Assis Suarez‘ Knabberattacke, bevor Diego Godin eine Minute später das Spiel für Uruguay entschied. Arrivederci Italia. Grazie.

War sonst noch was in Gruppe D? Ach ja, Costa Rica und England einigten sich im Estadio Mineirao von Belo Horizonte auf ein torloses Unentschieden. Wie aufregend. Costa Rica ist damit Gruppenerster, England fliegt wie Italien morgen erfreulich früh nach Hause.

Spielstatistiken

Italien – Uruguay 0:1 (0:0)

0:1 Godin (81.)

Costa Rica – England 0:0

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Ein Tweet und seine Folgen

Es war einmal ein halbwüchsiges Mädel, das Deutschland am Samstag bei der WM unbedingt gewinnen sehen wollte. Doch wie das Leben und der Fußball manchmal so spielen, hatte Ghana etwas anderes im Sinn – und führte unverschämterweise plötzlich 2:1. Skandal. Das Fräulein war mit der Gesamtsituation nun irgendwie unzufrieden und glaubte, das in die große weite Welt hinaus twittern zu müssen:

Ich weiß nicht, was da in der Erziehung schiefgelaufen ist, aber es muss eine ganze Menge gewesen sein. Natürlich machen wir alle Fehler, und selbstverständlich sind auch schlimme Totalaussetzer wie dieser verzeihlich – wenn man sie denn ehrlich einsieht. Den unsäglichen Tweet löschte die junge Dame zwar schnell wieder, aber das Netz sieht eben alles und vergisst nichts. Deshalb sah sie sich anschließend auf ihrer Facebook-Seite noch zu einem Statement genötigt. Zitat:

Ich gebe zu, es war eine unbedachte Äußerung (die ich keinesfalls ernst meinte) von mir nach dem 1:2 und passierte aus Verärgerung darüber. […] Ich bin kein Rassist und wollte keinesfalls alle dunkelhäutigen Menschen beleidigen. Der Post war ein Fehler, das seh‘ ich ein und entschuldige mich auch dafür.

Damit hätte man die unappetitliche Angelegenheit mit einem ekligen Nachgeschmack im Mund in der virtuellen Kloschüssel entsorgen können. Eigentlich. Doch stattdessen ging der Shitstorm jetzt erst so richtig los. Die Selbstentblödung der nationalen Hohlkopffraktion kennt offenbar keinerlei Grenzen. Auf der einen Seite wurde das unreife Teenie bis hin zu Morddrohungen [sic!] massiv bepöbelt, auf der anderen Seite fanden sich ungebeten zahlreiche Dummschwätzer und Dummschwätzerinnen ein, bei denen möglicherweise schon vor geraumer Zeit ein Leiden diagnostiziert wurde, das man gemeinhin unter der Bezeichnung akuter Sprechdurchfall der allerübelsten Sorte im Endstadium kennt. Ein paar Beispiele (Hervorhebungen von mir):

Da bleibe ich jetzt einigermaßen sprach- und ratlos zurück.

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Neymar überirdisch, Kroaten unterirdisch

Was braucht Brasilien, um zu gewinnen? Ganz klar: Die zwei großen N – Neymar und Nishimura. Weil Nishimura-san unbestätigten Gerüchten zufolge derzeit rund um die Uhr bei Meerwasser, Schiffszwieback und Schlafentzug mit Elfmeter-Lehrfilmen der FIFA gefoltert wird, musste Sportskamerad Neymar die Sache im letzten Gruppenspiel gegen Volker Finkes irgendwie niedliche kamerunische Schoßkätzchen selbst unter seine begnadeten Filigranstelzen nehmen. Gleich zweimal traf der glänzend ausgebildete Feinstmotoriker ins Schwarze, der Rest war eher unnütze Ergebniskosmetik – obwohl die Seleção in Hälfte eins nach dem überraschenden Ausgleichstreffer der Kameruner immerhin neun Minuten lang nur ein einziges Tor vom Ausscheiden aus dem Turnier entfernt war. Der am Ende klare Sieg täuscht erneut über die frappierenden Schwächen der Brasilianer hinweg, deren vermeintliche Weltklasseabwehr selbst von den limitierten Westafrikanern ein ums andere Mal in erstaunliche Verlegenheit gebracht wurde. Brasiliens Traum vom sechsten Titel könnte so bereits im Achtelfinale gegen Chile zur Mutter aller unvorstellbaren Albträume werden.

Wie auch immer der Plan von Trainer Niko Kovac ausgesehen haben mag, der Kroatien gegen Mexiko in der Tabelle der Gruppe A auf Platz zwei katapultieren sollte: Seine Spieler haben ihn definitiv nicht kapiert. Obwohl von Beginn an klar war, dass die Kroaten ohne die drei noch zu vergebenden Punkte höchstwahrscheinlich nach Hause fliegen müssen, machte das Team um den aktuellen Champions-League-Gewinner Luka Modric keine nennenswerten Anstalten, sich dem mexikanischen Gehäuse in einer Art und Weise anzunähern, die zumindest ansatzweise auf das Vorhandensein des Willens zum Torerfolg hingedeutet hätte. Erst als Mexiko schon uneinholbar in Führung lag, berappelte sich die kroatische Elf ein wenig und kam kurz vor Schluss wenigstens zum Ehrentreffer. Da feierten die Mittelamerikaner allerdings schon das Erreichen des Achtelfinales, in dem sie nun gegen die Niederlande antreten werden. Und die Oranjes müssen sich selbst im tropischen Klima von Fortaleza warm anziehen, um den Kroaten nicht schneller als allgemein erwartet zu folgen.

Spielstatistiken

Kamerun – Brasilien 1:4 (1:2)

0:1 Neymar (17.)
1:1 Matip (26.)
1:2 Neymar (35.)
1:3 Fred (49.)
1:4 Ferandinho (84.)

Kroatien – Mexiko 1:3 (0:0)

0:1 Marquez (72.)
0:2 Guardado (75.)
0:3 Hernandez (82.)
1:3 Perisic (87.)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Holland Gruppensieger, Spanien rettet seine Restehre

Wissen Sie, was ich ums Verrecken nicht kapiere? Warum niemand gegen Brasilien spielen will. So wie die Gastgeber dieser WM bisher vor sich hingemurkst haben, sollte man doch geradezu darauf aus sein, gegen Neymar & Co. antreten zu dürfen. Die haben doch den ganzen Druck, vor eigenem Publikum um jeden Preis den Titel holen zu müssen. Das hat 1950 nicht geklappt, und es wird – da lege ich mich fest – dieses Mal genauso wenig funktionieren. So gesehen hat sich Chile heute gegen die Niederländer turniertaktisch absolut korrekt verhalten, denn falls Brasilien als Gruppensieger die K.O.-Runde erreicht, war die 0:2-Niederlage gegen Holland für die Chilenen der erfolgversprechendste Weg ins Viertelfinale. Das Team von Louis van Gaal muss sich dagegen mit sehr viel unangenehmeren Gegnern wie etwa Mexiko oder Kroatien um den Einzug in die nächste Runde balgen.

Mit solch existenziellen Fragen musste sich Spanien in seinem letzten WM-Spiel gegen müde Australier gar nicht mehr auseinandersetzen. Dass der entthronte Titelverteidiger am Ende mit einem 3:0 im Handgepäck vorzeitig in den Flieger steigt, mag zwar die größte Sensation sein, die wir bei der WM bis jetzt erlebt haben, aber wirklich überrascht oder gar zu Tode erschreckt hat mich das eigentlich nicht. Das vorläufige Ende der großen spanischen Ära im Weltfußball hat sich ja schon vor einem Jahr beim Confed-Cup deutlich abgezeichnet. Das frühe Aus in der Vorrunde war so gesehen nur die logische Konsequenz daraus, das so verdammt fantastische Spieler wie Iniesta, Xavi, Alonso oder auch Ramos ihren Zenit längst überschritten haben. Zudem wissen die meisten Mannschaften mittlerweile, wie man gegen Spaniens ergebnisfixiertes Ballgeschiebe zu agieren hat. Es ist also auch der starre Systemfußball von Trainer Vicente del Bosque, der kaum noch jemanden vor unlösbare Probleme stellt.

Aber seien Sie sicher: Die kommen wieder. Garantiert. Mist.

Spielstatistiken

Niederlande – Chile 2:0 (0:0)

1:0 Fer (77.)
2:0 Depay (90.+2)

Australien – Spanien 0:3 (0:1)

0:1 Villa (36.)
0:2 Torres (69.)
0:3 Mata (82.)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Für Zahlenfetischisten

Halbzeit bei der Fußball-WM, 32 von 64 Spielen liegen hinter uns – höchste Zeit also für eine erste statistische Zwischenbilanz:

Tore pro Spiel

2010 2,3
2014 2,9

Pässe pro Spiel

2010 353
2014 387

Gelbe Karten pro Spiel

2010 3,8
2014 2,7

Rote Karten pro Spiel

2010 0,3
2014 0,2

Effektive Spielminuten pro Spiel

2010 69,8
2014 55,3

Tore pro Spiel

2010 2,3
2014 2,9

Mannschaft mit den meisten Torschüssen

Frankreich (42)

Mannschaft mit den wenigsten Torschüssen

Iran (15)

Mannschaft mit den meisten Angriffen

Argentinien (129)

Mannschaft mit den wenigsten Angriffen

Algerien (41)

Mannschaft mit der höchsten Klärungsquote bei gegnerischen Angriffen

Kroatien (100%)

Mannschaft mit der niedrigsten Klärungsquote bei gegnerischen Angriffen

Bosnien-Herzegowina (64%)

Mannschaft mit den wenigsten gelben Karten

Deutschland (0)

Mannschaft mit den meisten gelben Karten

Griechenland, Honduras, Uruguay (5)

Mannschaft mit den meisten begangenen Fouls

Niederlande (43)

Mannschaft mit den wenigsten begangenen Fouls

Brasilien (18)

Mannschaft, die am meisten gefoult wurde

Griechenland (39)

Mannschaft, die am wenigsten gefoult wurde

Kroatien (16)

Mannschaft mit der höchsten erfolgreichen Passquote

Italien (87%)

Mannschaft mit der niedrigsten erfolgreichen Passquoterde

Iran (60%)

Quelle

Varela vermasselt Portugal entspanntes WM-Aus

US-Jogi Klinsmann stand mit seinen Jungs eigentlich schon mit beiden Beinen im WM-Achtelfinale, als Cristiano Ronaldo buchstäblich in der letzten Sekunde der fünfminütigen Nachspielzeit im Dschungel von Manaus seinen einzigen lichten Moment während der gesamten Partie hatte und eine butterweiche Flanke in den amerikanischen Strafraum streichelte, die Mannschaftskamerad Silvestre Varela wirklich nur zum 2:2-Ausgleich im Kasten von Tim Howard kopfballen konnte. Pech für die USA, Pech für Portugal, denn die einen müssen für das Erreichen der K.O.-Runde nun gegen Deutschland nachsitzen, während der Punktgewinn für die anderen in Wahrheit eine Niederlage ist. Portugal hat vor den letzten beiden Spielen in der Gruppe G wegen der miesen Tordifferenz mit Abstand die allerbesten Aussichten, am kommenden Freitag in den verfrühten Urlaub fliegen zu dürfen. Aber weil man ja nie weiß, müssen sich die so gut wie gescheiterten Portugiesen gegen Ghana doch noch einmal quälen. Also ehrlich, Cristiano und Silvestre, das hättet ihr wesentlich entspannter haben können. Wenn das mal keine Mannschaftskeile gibt.

Dabei hatte es bis zur 64. Minute so ausgesehen, als würden sich die Portugiesen irgendwie zu drei Punkten duseln können. Zwar war die Klinsmann-Elf der portugiesischen spielerisch, taktisch und kämpferisch klar überlegen, aber dank eines frühen Totalaussetzers ihres Verteidgers Jeff Cameron lagen die USA 0:1 zurück. Dann trafen Jermaine Jones und Clint Dempsey nach haarsträubenden Fehlern in der portugiesischen Hintermannschaft für die Amerikaner, bis eben die Herren Ronaldo und Varela alles zunmichte machten, wofür sie in den eineinhalb Stunden davor aufopferungslos über den Rasen geschlurft waren. Verkehrte Welt. Irgendwie.

Die Tabellensituation vor dem letzten Spieltag:

Gruppe G
Tore
Tordifferenz
Punkte
1. Deutschland
6:2
+4
4
2. USA
4:3
+1
4
3. Ghana
3:4
-1
1
4. Portugal
2:6
-4
1

Das bedeutet: Deutschland wäre bei einem Sieg oder einem Unentschieden gegen die USA am Donnerstag um 18.00 Uhr in Recife Gruppensieger, die USA stünden als Zweiter der Gruppe G aber ebenfalls in der K.O-Runde. Gewinnen die Amerikaner, wäre die deutsche Mannschaft auf das Ergebnis der gleichzeitig in Brasilia stattfindenden Begegnung zwischen Portugal und Ghana angewiesen. Käme es hier zu einem Remis, wäre Deutschland für das Achtelfinale qualifiziert. Gewinnt eine der beiden Mannschaften, würde in diesem Fall die Tordifferenz zwischen den beiden punktgleichen Teams entscheiden. Ist die auch identisch, müssten weitere Kriterien herangezogen werden (siehe hier).

Aber dazu wird es nicht kommen. Unsere Buben schaffen das. Ich bin mir ganz sicher. Fast.

Spielstatistik

USA – Portugal 2:2 (0:1)

0:1 Nani (5.)
1:1 J. Jones (64.)
2:1 Dempsey (81.)
2:2 (90.+5)

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Halbe Südkoreaner, halbes Dutzend Tore

Hurra! Es gibt doch intelligentes Leben in der Gruppe H wie Horror! Und dass bei einem Spiel, das einen sonst zweifellos nicht aus den Flip-Flops reißen würde: Südkorea gegen Algerien. Endlich kein zuverlässig narkotisierender belgischer Angsthasenfußball – und endlich Tore, sechs an der Zahl, also genauso viele, wie in den drei Gruppenspielen davor insgesamt gefallen waren. Gut, die Mannen aus Korea-Süd wird das jetzt jetzt nicht wirklich trösten, weil sie trotzdem mit null Punkten ins Teamquartier zurückkehren müssen. Algerien war eben zwei Halbzeiten lang nicht nur physisch, sondern auch zerebral auf dem Platz. Als Südkorea schließlich aus seinem komatösen Tiefschlaf aufwachte, war die Partie längst entschieden.

Ich gehe davon aus, dass wir mit Algerien heute auch den wahrscheinlichsten deutschen Achtelfinalkontrahenten gesehen haben – vorausgesetzt, unsere Jungs werden in ihrer Gruppe Erster. In diesem Fall träfen sich beide Mannschaften 30. Juni um 22.00 Uhr in Porto Alegre. Werden Jogis Buben nur Gruppenzweite, steigt das deutsche Achtelfinale erst einen Tag später ebenfalls um 22.00 Uhr, allerdings in Salvador. Der Gegner hieße dann vermutlich Belgien.

Spielstatistik

Südkorea – Algerien 2:4 (0:3)

0:1 Slimani (26.)
0:2 Halliche (28.)
0:3 Djabou (38.)
1:3 Son (50.)
1:4 Brahimi (62.)
2:4 Koo (72.)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Jetzt spielen die Zombies auch noch Fußball

Ich bin mir nicht wirklich sicher, was grauenhafter war: Die Begegnung zwischen Belgien und Russland in der Vorrundengruppe H – oder die als Frisuren mehr schlecht als recht getarnten Anschläge auf die Objektive der Kameras und Fotoapparate im Maracana-Stadion, mit denen die Herren Witsel und Fellaini vom Kommando Jimi Hendrix vorsorglich wohl jeden Beweis dafür vernichten wollten, dass diese grauenhafte Partie jemals stattgefunden hat. Wobei man die Motivation der beiden belgischen Haupthaarterroristen ja durchaus nachvollziehen kann, denn wer Ball, Zuschauer und die Spielidee an sich vorsätzlich auf so schaurige Art und Weise gruppenvergewaltigt, der kann in der Tat keinerlei Interesse daran haben, dafür eines Tages möglicherweise zur Verantwortung gezogen zu werden. Der Horror in seinem ganzen dämonischen Ausmaß wird aber erst komplett, wenn man sich vor Augen führt, dass Belgien mit dem späten 1:0 das Achtelfinalticket gelöst hat. Unfassbar.

Der eiskalte Schauer, der einem angesichts dieses Albtraums über den Rücken läuft, wird allenfalls noch durch die Tatsache etwas angewärmt, dass der deutsche Gegner in der ersten K.O.-Runde aus dieser Ekelgruppe kommt.

Spielstatistik

Belgien – Russland 1:0 (0:0)

1:0 Origi (88.)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Fragen über Fragen

Was soll man über das Spiel Nigeria gegen Bosnien-Herzegowina sagen? Dass ein irreguläres Tor fiel, das zählte, und dass ein selbst in Normalgeschwindigkeit erkennbar regulärer Treffer der Bosnier nicht zählte? Dass man das eben davon hat, wenn man Unparteiische aus Neuseeland und Panama auf dem Feld herumstümpern lässt? Dass das Match zwischen zwei Teams ausgetragen wurde, die mit schlecht (Nigeria) beziehungsweise grottenschlecht (Bosnien-Herzegowina) wirklich noch viel zu positiv beurteilt wären? Dass die Balkan-Jungs bereits nach der Vorrunde abreisen müssen? Oder dass es zu den großen Mysterien dieser WM gehört, wie es möglich ist, dass eine so schwache Mannschaft wie die nigerianische nach wie vor alle Chancen auf das Achtelfinale besitzt?

Wie gesagt: Fragen über Fragen.

Spielstatistik

Nigeria – Bosnien Herzegowina 1:0 (1:0)

1:0 Odemwingie (29.)

Bildnachweis: Eigener Screenshot

Der alte Mann und das Tor oder: Kloooooseeeee!

Ich tue für ein paar Momente mal so, als ob ich neutral wie die Schweiz wäre und sage deshalb: Was für ein Hammermatch! In der zweiten Halbzeit. Über die erste breiten wir gnadenvoll den Mantel des wohltätigen Schweigens. Basta. Nein, ernsthaft: Wer jetzt immer noch nicht weiß, warum Fußball das geilste Spiel auf dem Planeten ist, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Unsere nie aufgebenden Jungs und die toll fightenden Ghanaer haben uns ein wahnsinnsdramatisches Spektakel auf Biegen und Brechen frei Haus geliefert, der bei vielen multiple Herzkasper verursacht haben dürfte und am Ende keinen Verlierer verdient hatte. Natürlich ist so etwas nicht möglich, wenn niemand Fehler macht. Und unfassbare Aussetzer hat es auf beiden Seiten reichlich gegeben. Taktikfetischisten werden also kaum auf ihre Kosten gekommen sein. Aber wenn ich beim Abpfiff vom eigenen Schweiß gebadet tropfend wie der gesamte verdammte tropische Regenwald endlich aufs Klo gehen kann, ohne das Gefühl haben zu müssen, irgendetwas zu verpassen, dann ist es mir das wert. So muss Fußball sein, so spannend und jeden einzelnen Fingernagel gnadenlos abholzend. Alles andere hat ein spanisches Trikot an oder drei Löwen auf der Brust.

Ein Wort noch zum ewigen Miro, zum unvergleichlichen Klose, zum alten Mann und dem Tor. Wenn es überhaupt eines Beweises dafür bedurfte, dass wir einen mittlerweile 36-jährigen echten Mittelstürmer brauchen, dann hat das Spiel gegen Ghana genau diesen Beweis geliefert. Wir Deutschen bilden uns neuerdings ja immer ein, dass wir jede schwierige Situation spielerisch lösen können. Dazu kann ich nur sagen: Bullshit! Manchmal hilft nämlich wirklich nur der unbeugsame Wille und die brachiale Durchschlagskraft des Miroslav Josef Klose – der mit seinem Treffer zum 2:2 übrigens ganz nebenbei Ronaldos WM-Torrekord eingestellt hat.

Weiter so.

Spielstatistik

Deutschland – Ghana 2:2 (0:0)

1:0 Götze (51.)
1:1 A. Ayew (54.)
1:2 Gyan (63.)
2:2 Klose (71.)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Argentinien macht sich gegen den Iran lächerlich – und gewinnt

Der beste Mann auf dem Platz war – neben Irans Ex-Bundesligaprofi Ashkan Dejagah – der Torwart. Und zwar der argentinische. Sergio Romero hat es die Messi-Elf zu verdanken, das Spiel nicht absolut verdient verloren zu haben. Chancen hatten die ansonsten gewohnt defensiv vor sich hin mauernden Iraner bei Ihren brandgefährlichen Kontern auf jeden Fall mehr als genug, einschließlich eines nicht gegebenen Elfmeters nach einem klaren Foul an Dejagah. Doch am Ende zählt eben nur jener Treffer, den Lionel Messi in der Nachspielzeit wohl nur aus purer Verzweiflung erzielte. Die Argentinier dürften damit zwar das Achtelfinale bereits erreicht haben, aber dort werden sie in dieser erschreckend schlechten Verfassung für keinen stärkeren Gegner ein unlösbares Problem darstellen. Denn seien wir doch mal ehrlich: Auch wenn der Iran heute einen starken Auftritt hingelegt hat – der Nabel der Fußballwelt liegt dann doch ganz woanders.

Unterhalten wir uns aber kurz noch einmal über Herrn Messi. Ehrlich gesagt war mir nie klar, warum das schmächtige Männlein vom FC Barcelone so oft zum Weltfußballer gewählt wurde. International hat Messi viel zu wenig erreicht, um dieses Prädikat auch nur ein einziges Mal wirklich zu verdienen. Vor allem im eigenen Nationalteam ist Messi oft nur Mitläufer. Er reißt seine Mannschaft nicht mit, umgekehrt stimmt das viel eher: Messi ist nur dann gut, wenn seine Mannschaft es auch ist. Und genau deshalb war, ist und wird Lionel Messi nie der beste Fußballer des Planeten sein. Cristiano Ronaldo mag eine verdammte Heulsuse sein, aber seine absolute Weltklasse ist dennoch unbestritten. Das unterscheidet ihn von einem Blender wie Messi.

Spielstatistik

Argentinien – Iran 1:0 (0:0)

1:0 Messi (90.+1)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Didis kleiner Fußball-Soundbaukasten

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass es bei den öffentlich-rechtlichen Übertragungen von der Fußball-WM immer wieder zu lästigen Tonunterbrechungen kommt? Ich meine, das muss man schon verstehen. So ein Audiosignal kann bei einer dermaßen langen Reise unterwegs ja leicht schlapp machen. Es muss schließlich genauso essen, trinken und schlafen wie wir. Das Geräusch an sich ist von seiner Natur her eben auch nur ein Mensch wie Sie und ich. Trotzdem müssen Sie die Spiele keineswegs im Stummmodus verfolgen – vorausgesetzt, Sie legen sich diesen Artikel direkt neben ihre Fernbedienung. Bitte drucken Sie ihn aber nicht aus, weil die Tonqualität darunter doch ein wenig leiden würde, sondern benutzen Sie Ihr Tablet oder Smartphone. Falls Sie Wert auf einen satten Dolby-Surround-Klang legen, sollten Sie auf jeden Fall beide Geräte verwenden und dabei unbedingt darauf achten, dass Sie und ihre kleinen digitalen Knechte idealerweise ein gleichseitiges Dreieck bilden. Im Baukasten – der zwar speziell auf Schland-Bedürfnisse abgestimmt ist, gegen eine geringe Schutzgebühr aber ebenso von den Anhängern der Verliererteams käuflich erworben werden kann – befindet sich ganz unten übrigens eine spielverlaufsbedingt gelegentlich asynchrone Endlosschleife aus allen mitgelieferten Sounds, deren Verwendung ich Ihnen dringend empfehle, wenn Sie die Liveberichterstattung aus Brasilien ohne störende Schwafelemissionen genießen möchten, die von den Schwätzern Kommentatoren vor Ort permanent abgesondert werden.

Lockere Stadionatmosphäre
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Auswechslung Thomas Müller beim Stand von 7:0 in der Nachspielzeit
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Beinahe-Tor
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Foul an Mario Götze oder Lukas Podolski
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Halbzeitpause
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Klassischer Jubelgesang
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Gegnerisches Kurzpasspiel in der eigenen Hälfte
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Feiger Rückpass zum gegnerischen Fliegenfänger
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Routinierter Torjubel (7:0 durch Thomas Müller)
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Ekstatischer Torjubel (1:0 durch Per Mertesacker in der Nachspielzeit)
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Faselfreie Endlosschleife
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Foto: Biggerbyfar
MP3-Dateien: Sounddogs

Von Pferden und Apotheken

Ich will es mal so ausdrücken: Wäre ich treuer Anhänger der honduranischen Nationalmannschaft, würde ich spätestens jetzt zum unverbesserlichen Optimisten mutieren. Denn nach der zweiten Niederlage im zweiten Spiel der WM-Vorrundengruppe E gegen Ecuador dürfte das Erreichen des Achtelfinales für Honduras ohne die äußerst wohlwollend eingreifende Hand eines wie auch immer gearteten Fußballgottes nicht mehr möglich sein. Allerdings hat man auch schon die sprichwörtlichen Pferde vor der noch sprichwörtlicheren Aoptheke kotzen sehen. Nehmen wir einmal an, dass Ottmar Hitzfelds derzeit arg gerupfte Schweizer gegen die Mittelamerikaner im letzten Spiel mit zwei Toren Unterschied das kürzere Hölzchen ziehen und Frankreich Ecuador gleichzeitig mit drei Toren Differenz vermöbelt, dann stünde Honduras unfassbarerweise tatsächlich in der Runde der letzten 16 Mannschaften.

Die wilde Bolzplatzerei zwischen Honduras und Ecuador sollte jedoch bei keinem der beiden Teams die Hoffnung aufkeinem lassen, die eigenen Urlaubspläne über den 26. Juni hinaus verschieben zu können. Ich bin zwar nicht Paul, die legendäre und viel zu früh von uns gegangene Krake, aber man muss ja wirklich kein zuverlässiges Orakel sein, um vorherzusagen, dass sich am Ende Frankreich und die Schweiz durchsetzen werden. Wobei es sehr, sehr theoretisch selbst die Franzosen noch erwischen könnte. So viele Hottehüs mit akutem Brechreiz kann es aber eigentlich gar nicht geben. Von den pharmazeutischen Fachgeschäften ganz zu schweigen.

Spielstatistik

Honduras – Ecuador 1:2 (1:1)

1:0 Costly (31.)
1:1 Valencia (34.)
1:2 Valencia (65.)

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In der Schweiz ist heute alles Käse

Im Schweizerpsalm – der Nationalhymne unseres kleinen possierlichen Nachbarn – wird der freilaufende Teil der eidgenössischen Bevölkerung mit Nachdruck zum Beten aufgefordert, aber mal ehrlich: Um von den messerscharfen französischen Geflügelscheren nicht wie ein handelsübliches Huhn vom Billigdiscounter sach- und fachgerecht zerlegt zu werden, hätten an diesem für Ottmar Hitzfelds Elf so gebrauchten Tag nicht einmal öffentliche Selbstkasteiungen noch geholfen. Gegen teuflisch gnadenlose Franzosen war in der Arena Fonte Nova von Salvador tatsächlich weder Gras noch Kraut gewachsen. So gesehen war das 2:5 gegen Les Bleus für die Schweiz wahrlich ein Himmelsgeschenk, denn unter den zahlreichen grob fahrlässig ausgelassenen Chancen für Frankreich befinden sich unter anderem ein vergebener Elfmeter inklusive des unmittelbar danach in lehrbuchhafter Mario-Gomez-Gedächtnismanier aus kürzester Distanz verschossenen 300-Prozent-Zweitverwertung sowie der an und für sich strafbar verfrühte Schlusspfiff des holländischen Schiedsrichters und Halbdutzendverhinderers Björn Kuipers mitten ins vermeintlich reguläre 6:2 hinein.

Trotz des auf spektakuläre Art und Weise erlittenen Totalschadens müssen sich die Schweizer nicht grämen. Schließlich stehen die Berge in der Heimat nach wie vor an ihrem Platz. Die Engländer zum Beispiel können sich darauf nicht freuen, weil sie nämlich gar keine haben. Berge. Es könnte also wesentlich schlimmer sein. Allerdings sollten Hitzfelds Mannen im abschließenden Gruppenspiel gegen Fußballwinzling Honduras sämtliche Sinne wieder beisammen haben, denn sonst droht ihnen ähnliches Ungemach wie den lobenswerterweise erfreulich früh gescheiterten Inselkickern. In diesem Sinne: Hopp, Schwyz!

Spielstatistik

Schweiz – Frankreich 2:5 (0:3)

0:1 Giroud (17.)
0:2 Matuidi (18.)
0:3 Valbuena (40.)
0:4 Benzema (67.)
0:5 Sissoko (73.)
1:5 Dzemaili (81.)
2:5 Xhaka (87.)

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Costa Rica weiter, Italien zittert, England raus

Irgendwann würden sie schon Erfolg haben. Mann musste nur gelassen bleiben. Es konnte einfach nicht sein, dass der Fußballzwerg den viermaligen Titelträger besiegen würde. Also bitte, sowas gibt es doch nur im Märchen. Es war lediglich eine Frage der Zeit, bis der Ausgleich endlich fallen würde. Bestimmt. Doch dann ertönte ein Pfiff. Und noch einer. Und noch einer. Was war denn jetzt auf einmal los? Standen sie etwa schon wieder im Abseits? Was? Das Spiel war aus? Nein. Das konnte wirklich nicht sein. Der Schiedsrichter war doch bis jetzt auf ihrer Seite gewesen, hatte dem Außenseiter sogar einen klaren Elfmeter verweigert – und ausgerechnet der sollte sie jetzt mit einer Niederlage zum Duschen schicken?

Doch, liebe Italiener. Die Costa Ricaner haben euch tatsächlich den Hintern versohlt. Ihr könnt es mir ruhig glauben. Und ihr habt es euch redlichst verdient. Ich meine, wer so über den Platz schleicht, wie ihr das eineinhalb Stunden lang in eurer ganzen armseligen Lahmarschigkeit getan habt, der kann nicht ernsthaft erwarten, dafür belohnt zu werden. Aber tröstet euch, den Engländern geht es noch viel schlechter als euch. Die müssten dank eurer Hilfe eigentlich auf der Stelle nach Hause fliegen. Ihr dürft damit auf jeden Fall bis nach eurem letzten Spiel gegen Uruguay warten. Eure neuen Freunde aus Mittelamerika stehen dagegen im Achtelfinale. Es ist nämlich so, dass Märchen manchmal gar keine sind – oder wahr werden.

Spielstatistik

Italien – Costa Rica 0:1 (0:1)

0:1 Ruiz (44.)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Alle (zwei) Jahre wieder

Man kann fast die Uhr nach ihnen stellen – nach ihnen, den spaßgebremsten Moralaposteln von eigenen Gnaden vor allem aus der linken und ultralinken Ecke, die einem zu Fußball- Europa- und Weltmeisterschaften regelmäßig weismachen wollen, dass es ganz, ganz böse ist, öffentlich schwarz-rot-goldene Flagge zu zeigen. So ließ dieses Mal ein gewisser Felix Banaszak, einer von zwei BundessprecherInnen (!) der Grünen Jugend, aus sich herausblubbern, es seien – Zitat –

[…] nicht alle, die eine Fahne haben, gleich Nazis.

In dem Artikel heißt es dann weiter, Studien belegten, dass die Zahl rassistisch motivierter Übergriffe nach Ereignissen wie der Weltmeisterschaft ansteige. Welche Studien das sein sollen und ob darin tatsächlich ein expliziter Bezug zu sportlichen Großereignissen hergestellt wird, erfährt der interessierte Leser – natürlich – nicht. Vermutlich handelt es sich dabei aber um Untersuchungen der Allgemeinen Mob-Aufklärungs- und Belehrungsstelle, deren wissenschaftliche Zielsetzung, Methodik und Aussagekraft natürlich völlig außer Zweifel steht. Trotzdem würde ich gerne wissen – wenn man es als Fahnenfan denn nicht gleich ist – ab wann man sich von den Damen (!) und Herren VolksbedenkenträgerInnen (!) eigentlich als Nazi bepöbeln lassen muss? Vielleicht, wenn man sich beim Public Viewing vor Deutschland-Spielen zu Einigkeit und Recht und Freiheit bekennt? Wobei in diesem Zusammenhang ja durchaus interessant wäre, warum und welche Probleme die – wenn man so will – fahnenflüchtige Rabulistenfraktion mit diesen Werten hat. Steht da etwa jemand nicht auf dem breiten Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, hm?


Hilfe, ich bin ein Nicht-gleich-Nazi, holt mich hier raus!

Und noch etwas, liebe Berufshaarspalter von der ganz traurigen Gestalt: Die Farben Schwarz, Rot und Gold stehen schon seit dem Hambacher Fest 1832 als Symbol für das Streben nach Freiheit, Bürgerrechten und deutscher Einheit. Vielleicht schafft es ja mal einer von euch, mir schlüssig dazulegen, aus welchen Gründen das auch nur ansatzweise verwerflich sein soll.

Bevor ich es vergesse: Ich bin überhaupt nicht stolz darauf, Deutscher zu sein. Dafür kann ich nämlich nichts. Aber ich freue mich, in diesem Land leben zu können, in dem Toleranz, Pluralität und Vielfalt in all ihren Formen einen so hohen Stellenwert genießen.

Fotos: Dietmar Näher

Not gegen Elend

Die einzigen echten Höhepunkte des armseligen Gewürges in der Gruppe C zwischen den minimalistischen griechischen Maurermeistern und Japans bemerkenswert uninspirierten Abrissbirnen sind schnell aufgezählt: 27. Minute. Foul Katsouranis. Gelb für den Griechen. 38. Minute. Foul Katsouranis. Gelb-Rot für den Griechen. Danach hätte man das Spiel getrost beenden können, denn gegen 10 jämmerliche Antifußballer fiel den Mannen Nippons wie viel ein? Genau: Nada. Nichts. Ob hoch von rechts oder flach von links, ob Weitschuss oder Kurzpass, ob Kopfball oder Flanke – die Japaner erwiesen sich in Sachen Wie treffe ich auf jeden Fall einen dieser unbeweglichen griechischen Baumstämme als wahre Alleskönner. Herzlichen Glückwunsch.

Das wirklich Absurde spielte sich allerdings erst nach dem viel zu spät erfolgten Schlusspfiff ab. Da taten die Griechen allen Ernstes nämlich so, als ob sie dieser Punktgewinn dem Achtelfinale näher gebracht hätte. Tatsächlich ist Griechenland mit seinem erbärmlichen Pünktchen und der schlechtesten Tordifferenz aller vier Teams aber nach wie vor verdientes Tabellenschlusslicht. Damit das Unhoffbare doch noch geschieht, müssen die Griechen im finalen Gruppenmatch die Elfenbeinküste schlagen, während Japan gegen die bereits für die Runde der letzten 16 Mannschaften qualifizierten Kolumbianer gleichzeitig nicht gewinnen darf. Theoretisch wäre selbst ein japanischer Sieg gegen Kolumbien noch zu kompensieren, wenn Griechenland über die Ivorer überaus deutlich die Oberhand behält, aber ehrlich gesagt ist es sicherlich nicht nur mir ein Rätsel, wie diese destruktive Gurkentruppe auch nur einen einzigen Ball ins Tor des Gegners befördern will.

Andio, Ellada. Sayonara, Nippon. Und tschüss.

Spielstatistik

Japan – Griechenland 0:0

Bildnachweis: Eigener Screenshot

Luis 2, Wayne 1

Armer Wayne Rooney! Da trifft der bisher so überaus verlässliche Nullinger in seinem sage und schreibe zehnten Spiel bei einer WM zum ersten Mal ins Netz – und dann wird ihm von Luis Suarez doch glatt die Show gestohlen. Für Rooneys Treffer können die Engländer voraussichtlich nur noch Spätbucher-Rückflugtickets mit Frühausscheider-Ermäßigung käuflich erwerben, denn die Two and a Half Lions waren im Vorrundenduell mit Uruguay ansonsten nur beim Auslassen günstiger Torgelegenheiten äußerst erfolgreich.

Da lobe ich mir doch die Urus. Eigentlich können sie nicht viel, das aber verdammt gut. Und sie haben mit Vollstrecker Suarez eine echte Tormaschine in ihren Reihen, die laut ZDF-Kommentator Oliver Schmidt aber noch mehr kann – nämlich Eiswürfel pinkeln. Da sparen sich die Südamerikaner auf jeden Fall schon mal die Kühltruhe in der Kabine. Solche Gedanken müssen sich die Kicker von der Insel wohl nicht mehr machen – es sei denn, es gibt morgen im Spiel zwischen Italien und Costa Rica einen Sieger. Falls nicht, verabschiedet sich mit England nach Spanien der nächste frühere Weltmeister. Der hochverdiente Fluch von Wembley scheint nach fast fünf Jahrzehnten also immer noch zu wirken. Wie geil.

Spielstatistik

Uruguay – England 2:1 (1:0)

1:0 Suarez (39.)
1:1 Rooney (75.)
2:1 Suarez (85.)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

FIFA will Trefferquote senken

Um der grassierenden Torflut bei der WM endlich Einhalt zu gebieten, testete die FIFA im C-Gruppen-Vorrundenmatch zwischen Kolumbien und der Elfenbeinküste in Brasilia zur Überraschung der beiden Teams ein neues Spielgerät. Das Gordinho genannte Spielgerät soll es bedauernswert minderbegabten Torwächtern und chronisch desorientierten Verteidigern durch einen vergrößerten Umfang und leicht berechenbare Flugeigenschaften ermöglichen, das Runde vom Eckigen dauerhaft fernzuhalten. Der von Haus aus nur mit Mühe knapp über der Grasnarbe operierende ivorische Abwehrrecke Arthur Boka meinte vor dem Spiel zwar, dass er jetzt kaum noch über den Ball gucken könne, aber er werde sich mit der Riesenmurmel schon irgendwie arangieren. Ganz und gar nicht einverstanden mit dem kurzfristig anberaumten Experiment zeigte sich dagegen Bokas Mannschaftskamerad Serey Die, der schon während der Nationalhymnen sichtbar verzweifelt vor sich hin schluchzte. Schiedsrichter Howard Webb aus England hatte jedoch erst nach gut einer Stunde endlich ein Einsehen, weil den eigens für diese Partie zwangsverpflichteten indigenen Ballaufpumpern trotz der extra am Spielfeldrand aufgestellten Sauerstoffzelten plötzlich die Luft ausgegangen war.

Mit dem regulären Brazuca fielen anschließend innerhalb von neun Minuten drei Tore, weshalb FIFA-Präsident Sepp Blatter das mutige Experiment auch keineswegs als gescheitert ansieht. Man werde weiter an einer für alle Beteiligten zufriedenstellenden Lösung arbeiten, um dem skandalösen Offensivdrang vieler Mannschaften Herr zu werden, so Blatter im Interview mit dem Fachblatt Catenaccio. Am Ende gewann Kolumbien gegen die Elfenbeinküste übrigens mit 2:1 – was bei Sportsfreund Die erneut zu heftigen Weinkrämpfen führte, die übereinstimmenden Medienberichten zufolge zur Stunde immer noch andauern.

Spielstatistik

Kolumbien – Elfenbeinküste 2:1 (0:0)

1:0 Rodriguez (64.)
2:0 Quintero (70.)
2:1 Gervinho (73.)

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Verzockt

Anstatt rechtzeitig nach Brasilien aufzubrechen, verbrachten Kameruns unbezwingbare Löwen lahme Bettvorleger ihre knappe Zeit lieber damit, höhere WM-Prämien auszuhandeln. In ihrem zweiten Gruppenspiel stellte sich nun heraus, dass Rädelsführer Samuel Eto’o und seine Komplizen die Falschen erpresst haben könnten, denn die vom portugiesischen Unparteiischen Pedro Proenca unverständlicherweise als Tiefschlag bewertete und mit einem Ringverweis überaus streng geahndete Faustkampfeinlage des klassischen Linksauslegers Alex Song gegen Mario Mandzukic deutet auf jeden Fall sehr auf Verhandlungen mit dem nationalen Boxverband hin. Dass der vom eigenen Team jeder Autorität beraubte Volker Finke davon gewusst haben könnte, muss zu dessen Ehrenrettung zwar vehement bestritten werden, aber da der deutsche Trainer der Kameruner in dieser Mannschaft so oder so nie etwas zu sagen hatte, ist das auch nicht weiter von Belang.

Sehr wohl von Bedeutung ist dagegen, dass sich Kamerun nach der hochverdienten 0:4-Klatsche gegen Kroatien als erste afrikanische Mannschaft auf den vorzeitigen Nachhauseweg machen muss. Unbestätigten Gerüchten zufolge verlangen die Spieler von der FIFA aber auch dafür Geld, das von Sepp Blatter höchstpersönlich in nicht nummerierten Euro-Scheinen auf eines seiner zahllosen Schweizer Nummernkonten eingezahlt werden soll. Außerdem sollen die Spieler auf freies Geleit in ein auslieferungssicheres Land ihrer Wahl sowie auf Plätze in der First Class bestehen. Der Abflug der Mannschaft wird sich also noch ein wenig verzögern.

Spielstatistik

Kamerun – Kroatien 0:4 (0:1)

0:1 Olic (11.)
0:2 Perisic (48.)
0:3 Mandzukic (61.)
0:4 Mandzukic (73.)

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Abgedankt

Es war einmal eine drollige Halbinsel im Südwesten Europas, die war so groß, dass sie gleich zwei Könige brauchte: König Juan Carlos, der Notgeile, und König Tiki-Taka, der Strunzlangweilige. Dem armen Juan Carlos war davon immer so fad, dass er entweder seine Königin betrog oder in Botswana auf Elefantenjagd ging. Doch dann war ihm das Glück auf einmal gar nicht mehr hold. Als Juan Carlos das letzte Mal auf Dickhäuterhatz war, stellte er sich dabei so dermaßen doof an, dass er sich die morschen Knochen brach. Das kam dem Volk natürlich irgendwie spanisch vor. Juan Carlos entschuldigte sich zwar, aber seine Zeit war einfach abgelaufen. Er musste Thrönchen und Krönchen an seinen Sohn Felipe, den Chönen, abgeben, der nun ab morgen König spielen darf.

Weil ein Unglück aber selten alleine daher kommt, hat heute auch der andere König seinen Job verloren. Obwohl Tiki-Taka weder possierliche Wildtiere ermordete noch willige Ballschlampen flachlegte, waren alle Experten außer Iberer-Lakai Mehmet Scholl seiner gnadenlosen Effektivät sowas von überdrüssig, dass es einer Kreativkoalition aus holländischen und chilenischen Aufständischen in zwei gut aufeinander abgestimmten Fußstreichen gelang, Tiki-Taka nach allen Regeln der Sezierkunst in seine rasch verwesenden Einzelbestandteile zu zerlegen. Wer ihm nachfolgt, steht noch nicht fest, interessierte Beobachter gehen jedoch ohnehin davon aus, das sich in einem anderen Land in Europa ein ehemals bevorzugtes Opfer von Tiki-Taka aufmacht, den nun so kopflosen Halbinsulanern die Vorzüge einer unorthodox gemüllerten Republik ans geschundene Herz zu legen. Und wenn sie nicht daran sterben, werden sie nie mehr einen König brauchen.

Spielstatistik

Spanien – Chile 0:2 (0:2)

0:1 Vargas (20.)
0:2 Aranguiz (43.)

Bildnachweis: Eigener Screenshot

Überheblich zum Duselsieg

Vor dem Match wurde eigentlich nur über die Höhe des Sieges der Niederländer über Australien diskutiert. Nach dem Spiel musste die Elftal froh sein, gegen leidenschaftliche Australier überhaupt gewonnen zu haben. Dabei hatte das Spiel mit dem 1:0 durch Hochgeschwindigkeitsstürmer Arjen Robben wie erwartet begonnen, doch Tim Cahill hämmerte die bemitleidenswerte Murmel postwendend mit viel Schmackes volley in die anschließend irgendwie benommen wirkenden Maschen des holländischen Kastens.

Louis van Gaals überheblich übers Spielfeld gockelnde Truppe ließ sich davon aber nicht weiter stören und steuerte auch danach pomadig auf eine Blamage zu. Als die Australier in der 54. Minute nach einem unfassbaren Elfmeterirrtum des algerischen Schiedsrichters Djamel Haimoudi sogar in Führung gingen, schien eine Sensation tatsächlich in der Tropenluft zu liegen – und zwar genau vier Minuten lang, denn dann traf Robin van Persie zum 2:2 ins Netz. 10 Minuten später wurde das Spiel zugunsten der Niederländer entschieden. Zunächst hatte Australien eine hundertprozentige Chance zur erneuten Führung, bevor Memphis Depay direkt im Gegenzug Aussie-Keeper Ryan mit einem lächerlich harmlosen Weitschuss überwand.

Immerhin hat das Spiel gezeigt, dass die Oranjes nur offensiv Weltklasse sind, defensiv agiert das Team dagegen eher wie eine Mannschaft, die nach dem so gut wie erreichten Achtelfinale unbedingt wieder nach Hause fliegen will.

Spielstatistik

Australien – Niederlande 2:3 (1:1)

0:1 Robben (20.)
1:1 Cahill (21.)
2:1 Jedinak (54. | Geschenkelfmeter)
2:2 van Persie (58.)
2:3 Depay (68.)

Die Mutter aller WM-Apps

Die WM-Berichterstattung von ARD und ZDF im Fernsehen ist zwar lobenswert komplett, wirkt konzeptionell und personell meistens aber leider reichlich antiquiert. Seit Jahrzehnten setzt man uns wehrlosen Zuschauern mit mehr oder weniger dazu befähigten Moderatoren und Kommentatoren zu, deren stets bemühte Arbeitsleistungen immer seltener zu echten Erkenntnisgewinnen führen. In der virtuellen Welt hat nun jedoch zumindest DAS ERSTE einen schockierenden wie erfreulichen Volltreffer gelandet. Die vom WDR entwickelte SPORTSCHAU FIFA WM APP für Android-Endgeräte (die iOS-Version gibt es hier) ist für alle, deren Augen sich unabhängig voneinander koordinieren lassen, der perfekte Second Screen zur Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien.

Neben erwartbaren Features wie etwa Nachrichten, Hintergrundberichte, Spielplan, kurzen Spielzusammenfassungen, umfassendem Statistikteil und Social-Media-Integration glänzt die App vor allem mit den Übertragungen sämtlicher WM-Begegnungen. Dabei beschränkt sich das Angebot aber nicht auf einen einzigen Livestream, nein, es werden zusätzlich bis zu 20 Kameraperspektiven aus dem Stadion gleich mitgeliefert. Außerdem werden in jedem Match die beiden Trainer sowie pro Mannschaft jeweils ein Akteur auf dem Rasen während der gesamten Spieldauer beobachtet. Die Highlights der Partien werden laufend aktualisiert und sind bereits während des Spiels zeitnah abrufbar. An ZDF-Tagen entfällt übrigens nur der Haupt-Livestream, alle anderen sind vorhanden.

Die App läuft auf meinem Samsung Galaxy Note 3 mit Android 4.4.2 stabil in hoher Qualität im WLAN, unterwegs sind allerdings eine schnelle Mobilnetzanbindung sowie sehr viel gekauftes Datenvolumen von Nöten, um die App sinnvoll nutzen zu können. Nicht zu ändern ist bei allen Zugangswegen, dass TV- und Internetübertragung nicht synchron laufen, der systembedingte zeitliche Versatz liegt in der Regel bei rund einer Minute. Trotzdem: Diese App ist eine Anwendung, für die man ausnahmsweise einmal gerne Zwangsgebühren bezahlt.

Das ZDF hält übrigens ein ähnlich umfangreiches Angebot bereit, ist beim Sender vom Mainzer Lerchenberg aber in die reguläre Mediathek-App (iOS) eingebettet, ist optisch deshalb weitaus weniger ansprechend und in der Handhabung umständlich bis überhaupt nicht benutzerfreundlich. Die ZDF-App ist ein trauriges Beispiel dafür, wie man es auf gar keinen Fall machen sollte.

Betriebssystem Android 4.0 oder höher | iOS 7.0 oder höher
Größe 24 MB (Android) | 43,6 MB (iOS)
Preis Gratis, keine In-App-Käufe erforderlich

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Der Geist war willig

Wenn zwei in vielerlei Hinsicht semibegabte Mannschaften aufeinander treffen, dann ist es nur logisch, dass Tore nur nach mehr oder minder peinlichen individuellen Fehlern fallen. So war es auch bei der entsetzlich zähen Begegnung der Vorrundengruppe H zwischen Russland und Südkorea. Beim Führungstreffer der Südkoreaner wollte Russlands Torwächter Akinfeev nach einem eher harmlosen Weitschuss von Keun-Ho Lee alles Mögliche fangen, nur der Ball stand irgendwie nicht ganz oben auf seiner To-Do-Liste. Als der Schlussmann von ZSKA Moskau dann doch noch beherzt zugreifen wollte, waren seine leidgeprüften Mitspieler bereits in Richtung Mittellinie unterwegs.

Die russische Depression sollte allerdings nur sechs Minuten andauern, denn auf der anderen Seite schaffte es die Abwehr der Asiaten trotz ausreichend vorhandener Möglichkeiten nicht, das durchaus kooperationsbereite Spielgerät aus der Gefahrenzone zu befördern. Sportskamerad Kerzhakov aus St. Petersburg staubte ab und versenkte die Murmel problem- und humorlos zum Ausgleich für die Russen im südkoreanischen Kasten. Am Ende wirkte das vom Italiener Fabio Capello trainierte russische Team sogar fitter und entschlossener als die Elf von Südkorea, das Spiel für sich zu entscheiden, aber zwischen Willen und Können klaffte in diesem Match auf beiden Seiten permanent eine Schlucht so groß wie der Grand Canyon.

Spielstatistik

Russland – Südkorea 1:1

0:1 Lee K. (68.)
1:1 Kerzhakov (74.)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Ochoa gegen Brasilien torlos

Die brasilianische Mannschaft wird heute Nacht zweifellos von einem Mexikaner kollektiv albträumen: Der Mann heißt Guillermo Ochoa, ist Torwart seines Teams – und trieb die Spieler des haushoch favorisierten Gastgebers ein ums andere Mal mit Weltklasseparaden zur schieren Verzweiflung. So endete die Begegnung am Ende 0:0, aber es war trotzdem kein solch elend schlechter Kick wie das erste torlose Remis bei dieser WM. Nüchtern betrachtet war der Punktgewinn für die sich leidenschaftlich wehrenden und überhaupt nicht chancenlosen Mexikaner gar nicht mal unverdient, denn auch, wenn die Seleção zahlreiche Gelegenheiten hatte, wirkte die Neymar-Truppe im Spiel nach vorne oft hölzern und überhastet, während die eigene Abwehr immer wieder wackelte. So wird Brasilien sicherlich nicht den sechsten Titel holen.

Falls Sie sich übrigens schon einmal gefragt haben, was die mexikanischen, hm, Fans beim Abstoß des gegnerischen Keepers immer brüllen: Das Wort heißt puto und bezeichnet einen Stricher meist in horizontaler Lage arbeitenden männlichen Erotik-Dienstleister zweifelhafter Herkunft. Bei soviel sportlicher Fairness ist man fast versucht, die Anhänger der El Tri hijos de puta, also völlig missratene Söhne und Töchter aus monetären Gründen promiskuitiv veranlagter Damen zu nennen. Aber nur fast.

Spielstatistik

Brasilien – Mexiko 0:0

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Drei Punkte eingewechselt

Die Taktik der algerischen Betonanmischer im übelklassigen Duell gegen den vermeintlichen Geheimfavoriten Belgien war reichlich überschaubar: Hinten alles raushauen, vorne geduldig auf die Dummheiten des Gegners warten. Und dumm haben sich die Belgier im ersten Vorrundenspiel der Gruppe H gegen Algerien nun wirklich angestellt. Offensiv langsam und ideenlos, defensiv mit haarsträubenden Aussetzern. Zwischendurch habe ich mich immer wieder gefragt, warum das ZDF das ganze Match in Superzeitlupe überträgt. Dabei war das tatsächlich die Normalgeschwindigkeit.

Immerhin haben die Belgier das Spiel am Ende doch noch gewonnen. Hauptverantwortlich dafür war das geschickte Händchen ihres Übungsleiters Marc Wilmots. Der Schalker Ex-Profi wechselte Dries Mertens und Marouane Fellaini ein – und damit auch die fest einkalkulierten drei Punkte. Erst traf Fellaini zum Ausgleich, dann hämmerte Mertens die Kugel zum Siegtreffer in die Maschen. Das war zwar genauso verdient wie gerecht, aber Belgien hat sich mit dieser – unangemessen milde ausgedrückt – suboptimalen Leistung aus dem kleinen Kreis der Geheimfavoriten zumindest vorläufig verabschiedet.

Spielstatistik

Belgien – Algerien 2:1

0:1 Feghoulo (25. | Elfmeter)
1:1 Fellaini (70.)
2:1 Mertens (80.)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

The Pursuit of Happiness

Das Streben nach Glück – The Pursuit of Happiness – ist den Amerikanern schon mit der Unabhängigkeitserklärung in die Wiege gelegt worden. Genau 237 Jahre, 11 Monate und 13 Tage später hielt auch US-Coach Jürgen Klinsmann diese Wahrheit für ausgemacht, denn wenn eine Mannschaft im Estadio das Dunas von Natal das Glück in all seinen Erscheinungsformen bitter nötig hatte, dann waren es die Klinsmänner im Spiel gegen Ghana. Der viermalige Afrikameister war zwar selten zwingend, aber insgesamt trotzdem das bessere Team. Doch dafür können sich die Ghanaer nach der 1:2-Pleite gegen die USA nichts mehr kaufen – was vor allem daran liegt, dass sich Ghana gleich zu Spielbeginn und kurz vor dem Abpfiff ein kollektives Sekundennickerchen gönnte. Der zwischenzeitliche hochverdiente Ausgleich war einfach zu wenig, um die am Ende nur scheinbar leblos wirkenden Amerikaner zu schlagen.

Angst haben muss man nach diesem Spiel allerdings weder vor den Vereinigten Staaten noch vor Ghana. Während die US-Boys ihre mangelnde spielerische Klasse gegen stärkere Gegner auf Dauer nicht durch Einsatz und Siegeswillen wettmachen werden können, mangelt es den Ghanaern bei aller technischen Perfektion an Präzision und Durchschlagskraft.

Die deutsche Elf muss sich also keine allzu großen Sorgen machen. Falls doch, nehme ich alles zurück und behaupte einfach das Gegenteil.

Spielstatistik

Ghana – USA 1:2 (0:1)

0:1 Dempsey (1.)
1:1 Ayew (82.)
1:2 Brooks (86.)

Bild-/Videonachweis: Eigener Screenshot

Nicht vergnügungssteuerpflichtig

Lange mussten wir auf den ersten Grottenkick dieser WM warten. Dann kamen endlich die Ball-Analphabeten aus Nigeria und dem Iran und demonstrierten in unerfreulich epischer Breite, Länge und Tiefe, wie langweilig und nervtötend es sein kann, wenn zwei restlos talententkernte Gurkentruppen weder bereit noch in der Lage sind, das Runde ins Eckige zu befördern. Der torfreie afrikanisch-asiatische Offenbarungseid ist dann auch nur das logische Ergebnis einer bestenfalls Mitleid erregenden Mischung aus völligem Unvermögen und dringend therapiebedürftiger Angsthaserei. Mehr will ich über diese unerfreuliche Begegnung zweier Mannschaften, die offenbar zwanghaft darauf aus waren, die Zuschauer im Stadion und zuhause an den Empfangsgeräten möglichst bestialisch zu quälen, gar nicht sagen.

Sonst könnte es tatsächlich noch passieren, dass ich mich aufrege.

Spielstatistik

Iran Nigeria 0:0

Schland müllert Portugal weg

Der Name Müller bürgt hierzulande schon lange für viele Tore. Ob Gerd, Dieter oder jetzt Thomas – irgendwie findet das wehrlose Balli immer ins Netz, wenn ein Müller das Spielgerät durch eine Berührung mit irgendeinem Körperteil in den Adelsstand erhebt. Heute waren es gleich drei Treffer, die der Münchner den bedauernswerten Opfern von der iberischen Halbinsel einschenkte, dazu einmal Hummels und das zeitweilige Berufsverbot für den glücklosen Stierimitator Pepe – und schon wussten Ronaldo und seine Arbeitskollegen nicht einmal mehr, wie ihre Mütter heißen. So muss das sein.

Isch mach Disch platt, Pickelhaube!Nee, Du fliegst jetzt vom Platz, Hornochse!

Gut, es war nicht alles Gold, was da in der feuchten Tropensonne von Salvador glänzte. Aber fast alles. Das war schon verdammt geil, was Jogis endlich erwachsen gewordene Rasselbande gegen Portugal auf dem Rasen zelebrierte. Statt besoffen machendem, aber hochriskantem Hurra-Fußball ohne Rücksicht auf Verluste entschied man sich für totale Spielkontrolle und setzte immer dann, wenn es dem Gegner besonders weh tat, die entscheidenden Attacken. Dabei sind mit dem Rücken akkurat an die Wand getackerten Portugiesen mit 4:0 noch unverdient milde bestraft worden. Das Spiel hätte auch 8:1 ausgehen können.

Mindestens.

Spielstatistik

Deutschland – Portugal 4:0 (3:0)

1:0 Müller (12. | Elfmeter)
2:0 Hummels (32.)
3:0 Müller (45.+1)
4:0 Müller (78.)

Bild-/Videonachweis: Eigener Screenshot

Es gibt Wichtigeres als Fußball

Michael hat das CHU Grenoble verlassen, um seine lange Phase der Rehabilitation fortzusetzen. Er ist nicht mehr im Koma. Seine Familie möchte sich ausdrücklich bei allen behandelnden Ärzten, Pflegern, Schwestern und Therapeuten in Grenoble ebenso wie bei den Ersthelfern am Unfallort bedanken, die in diesen ersten Monaten hervorragende Arbeit geleistet haben. Der Dank der Familie gilt auch all den Menschen, die Michael so viele gute Wünsche gesendet haben. Sie haben ihm sicher geholfen. Für die Zukunft bitten wir um Verständnis, dass seine weitere Rehabilitation außerhalb der Öffentlichkeit erfolgen soll.

Alles Gute, Michael!

Quelle

Foto: Marc McArdle

GoalControl erzielt erstes Tor

Was ist eigentlich aus dem guten alten Rumpelfußball geworden? Die Betagten unter uns werden sich noch erinnern: Das war jenes trostlose Gekicke, bei dem man schon nach kurzer Zeit freiwillig ins Koma fiel, weil die elende Gurkerei auf dem Platz anders gar nicht zu ertragen war. Doch bei dieser WM ist alles anders: Von den bisherigen 11 Spielen war noch keins wirklich langweilig, die gefallenen 37 Tore entsprechen einem stolzen Schnitt von 3,36 Treffern pro Match. In der Geschichte gab es nur sechs Weltmeisterschaften, bei denen der Ball häufiger im Netz zappelte – und die fanden alle zwischen 1930 und 1958 statt. Die torreichste WM war übrigens die in der Schweiz 1954 – womit wir auch schon beim nächsten Thema wären: Ottmar Hitzfelds Eidgenossen duselten sich gestern in der Nachspielzeit zum 2:1 gegen Ecuador. Von wegen alles Käse.

Spielstatistik

Schweiz – Ecuador 2:1 (0:1)

0:1 Valencia (22.)
1:1 Mehmedi (48.)
2:1 Seferovic (90.+3.)

Das zweite Spiel der Vorrundengruppe E zwischen Frankreich und Honduras sollte auch dem knickerigsten eingeborenen Zweitliga-Kassenwart nachhaltig demonstriert haben, dass die 200000 Euro, die die Torlinientechnik der Firma GoalControl pro Stadion kostet, eine sinnvolle Investition wären. Als der honduranische Schlussmann Noel Valladares die vom Pfosten abgeprallte Murmel kurz nach Halbzeitpause zum 2:0 für die Franzosen durchaus gekonnt hinter die Linie parierte, war das aus keiner der handelsüblichen Kameraperspektiven zweifelsfrei erkennbar. Erst GoalControl sorgte für Klarheit. Am Ende siegte die Équipe Tricolore deutlich mit 3:0.

Spielstatistik

Frankreich – Honduras 3:0 (1:0)

1:0 Benzema (45.)
2:0 GoalControl Valladares (48. | Eigentor)
3:0 Benzema (72.)

Weitaus weniger souverän mühte sich Argentinien gegen WM-Neuling Bosnien-Herzegowina zum knappen 2:1. Wirklich schade, dass der Anschlusstreffer des Stuttgarters Vedad Ibisevic die Messi-Elf zu spät in echte Bedrängnis brachte. Aber was nicht ist, kann ja noch werden: Im Viertelfinale könnte es zum dritten Mal nacheinander zum Duell gegen Deutschland kommen. Manuel Neuer sollte auf jeden Fall schon mal mit Jens Lehmann whatsappen. Und sein Smartphone zu gegebener Zeit im Schienbeinschoner verstecken.

Spielstatistik

Argentinien – Bosnien-Herzegowina 3:0 (1:0)

1:0 Kolašinac (3. | Eigentor)
2:0 Messi (65.)
3:0 Ibisevic (85.)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Drogba kam, sah und siegte

Als Didier Drogba in der 62. Minute gemächlich aufs Feld trabte, liefen die Ivorer dem 0:1-Rückstand gegen Japan ziemlich hilflos hinterher. Vier Minuten später lagen sie plötzlich mit 2:1 vorne. Zwar hatte Drogba keinen der beiden Treffer vorbereitet oder gar selbst getroffen, aber es machte schon den Anschein, dass die bloße Einwechslung des 36-Jährigen Japan das Licht ausgeblasen hatte.

Dabei begann es für Nippon wirklich gut. Bereits nach 16 Minuten brachte Keisuke Honda sein Team mit einem sehenswerten Linksfußkracher in Führung. Das war es dann aber auch schon, danach kam von den Japanern nicht mehr viel. Möglicherweise hätte die blamable Null-Torschuss-Taktik in der zweiten Halbzeit sogar für drei Punkte gereicht, aber die Oper ist halt erst dann vorbei, wenn der große alte Mann gesungen hat. Und das hat er wirklich gut getan. Der Didier. Der Drogba.

Spielstatistik

Elfenbeinküste – Japan 2:1 (0:1)

0:1 Hondo (16.)
1:1 Bony (64.)
2:1 Gervinho (66.)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

England überrascht und verliert

Es gibt drei Konstanten im Universum: Erstens stellen Elfmeter für England keine Bedrohung für den Gegner dar, zweitens sind Keeper von der Insel grottenschlecht – und drittens wird Wayne Rooney bei einer WM nie ein Tor schießen. Strafstöße gab es heute keine, Schlussmann Joe Hart hielt einigermaßen ordentlich, nur Mister Rooney traf wieder nicht. Deshalb haben die Three Lions ihr erstes Vorrundenspiel in der Gruppe D jedoch nicht verloren. Nein, Englands überraschend völlig unbritische Spielweise sah phasenweise sogar nach Fußball aus, aber die in der tropischen Stadionsauna von Manaus betont ökonomisch agierenden Italiener waren am Ende einfach das cleverere Team. Das 2:1 war insgesamt zwar auch ein bisschen glücklich, aber bei 30 Grad und gefühlten 800 Prozent Luftfeuchtigkeit kann das auch gar nicht anders sein.

Warum man in Manaus, wo die beste Mannschaft aktuell in der vierten Liga vor sich hin gurkt, einen protzigen Stadionneubau mitten in den tropischen Regenwald klotzen oder wieso man ausgerechnet dort überhaupt WM-Fußball spielen muss, erschließt sich mir allerdings immer noch nicht.

Spielstatistik

England – Italien 1:2 (1:1)

0:1 Marchisio (35.)
1:1 Sturridge (37.)
1:2 Balotelli (50.)

Bildnachweis: Eigener Screenshot

Der nächste Favorit geht baden

Mit der Weltpremiere eines völlig neuartigen Taktikkonzepts wollte Uruquay die vermeintlichen Underdogs aus Costa Rica quasi im Sparmodus erledigen: Nichts tun, aber trotzdem gewinnen. Supi. Und anfangs klappte das sogar, weil der Mainzer Junior Diaz im eigenen Sechzehner etwas zu heftig mit Gegenspieler Diego Lugano kuscheln wollte. Den vom deutschen Schiedsrichter Felix Brych verhängten Elfmeter versenkte Edinson Cavani anschließend im Kasten von Costa Rica.

Vom zweimaligen Weltmeister war danach allerdings kaum noch etwas zu sehen – von den Costa Ricanern dagegen um so mehr. Erst hämmerte der überragende Joel Campbell den Ball mit Schmackes in die Tormaschen, dann köpfte Oscar Duarte die Mittelamerikaner sogar in Führung. Kurz vor Matchende beerdigte der eingewechselte Marco Urena die Uruguayer endgültig. Der zweite Treffer von Costa Rica hätte allerdings nicht zählen dürfen. Abseits bleibt Abseits:

Das deutsche Schiedsrichtertrio um den Münchner Rechtsanwalt Felix Brych bot übrigens eine akzeptable Leistung, insbesondere war der erste Platzverweis dieser WM gegen Holzfällermeister Maxi Pereira vertretbar. Die ununterbrochenen Lobeshymnen von ARD-Schwafler Tom Bartels auf Brych und seine Mannen an der Linie gingen mir trotzdem gewaltig auf die Nüsse. Jedes andere Refereeteam hätte Bartels wegen des Abseitstors durch den Kommentatorenwolf gedreht.

Nur Brych & Co. eben nicht.

Spielstatistik

Uruguay – Costa Rica 1:3 (1:0)

1:0 Cavani (24.)
1:1 Campbell (54.)
1:2 Duarte (57.)
1:3 Urena (84.)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Fußball in Zeiten der Krise

Spaniens Tiki-Taka-Gemurkse wurde gestern gleich fünfmal vom rasenden holländischen Wohnwagenkonvoi überrollt, die Kolumbianer machten es mit der griechischen Tiiiiikooooos-Taaaaakooooos-Variante heute dagegen ein wenig gnädiger und fuhren die Hellenen nur dreimal über den Haufen – was angesichts der Tatsache, dass die antike Schlafwagerei des Europameisters von 2004 durchaus mehr Gegentore verdient gehabt hätte, fast an ein Wunder grenzt. Seit dem EM-Triumph vor 10 Jahren tritt Griechenland immer mit derselben Narkosetaktik an: langsam spielen, bis der Gegner wegdöst. Dumm nur, dass das mittlerweile nur noch dazu führt, dass man irgendwann selbst einschläft. Dabei werden die Griechen nicht mal von der eigenen Schnarcherei wieder wach.

Ich will aber nicht ungerecht sein. Eine wahrhaft monströse Torchance hatte Griechenland, doch Theofanis Gekas setzte den Ball aus kurzer Distanz völlig freistehend mit dem Kopf überaus gekonnt an die kolumbianische Querlatte. Mit dieser unglaublichen Nummer wäre der frühere Bundesliga-Torjäger DIE Attraktion in jedem Zirkus der Welt. Immerhin wurde Gekas für sein Kunststück umgehend belohnt: Er durfte anschließend die Duschen in den Stadion-Katakomben von Belo Horizonte einweihen. Glückwunsch, Theo, Glückwunsch.

Spielstatistik

Kolumbien – Griechenland 3:0 (1:0)

1:0 Amero (5.)
2:0 Teo (58.)
3:0 James (90.+3)

Fairplay aus der Dose

Ist es Sprühsahne? Oder Rasierschaum? Nein. Die geheimnisvolle Dose, mit der die Schiedsrichter bei der WM weiße Linien auf den Rasen malen, um bei Freistößen den Mindestabstand der Mauer von 9,15 Metern zu markieren, enthält eine Flüssiggassubstanz, die sich nach 45 bis 120 Sekunden wieder verflüchtigt und nach Angaben des argentinischen Herstellers weder dem Rasen noch der Umwelt schadet. Unbewiesenen Gerüchten zufolge soll das Aerosol auch gegen galoppierende Altersakne, triefenden Fußschweiß und illegale Rudelbildung auf dem Platz helfen. Vertrieben und verwendet wird das Produkt unter dem Namen 915 fair play limit bisher vor allem in Südamerika, doch jetzt scheint es so, als ob die ganze Fußballwelt demnächst unter die Sprayer gehen wird. Naja, fast die ganze, denn beim DFB sieht man – natürlich – keinen Sinn in dem neumodischem Teufelszeug. Elektronische Torlinienüberwachung, Freistoßspray – alles böse. Ganz böse. In Deutschland würde man am liebsten wohl auch wieder mit Holzpfosten, Originalbällen aus dem Jahr 1954 und handgenagelten Kickerstiefeln spielen, deren Schäfte aus moralischen Gründen erst kurz unterhalb des Knies enden dürften.

Eine Frage muss auf jeden Fall aber noch geklärt werden: Wann stattet die FIFA ihre Referees endlich mit laserbestückten Messlatten aus, denn der Mauerabstand will schließlich genauso korrekt abgesteckt werden, oder?

Bildnachweis: Screenshot 915fairplay.com

Chile stolpert sich zu drei Punkten

Wenn der tiefere Sinn des Fußball darin bestünde, eineinhalb Stunden lang möglichst umständlich vor den beiden Toren herumzuhampeln, dann könnte man die WM sofort abbrechen und den Titel Chile schenken. Der vermeintliche Geheimfavorit spielte nur in den ersten 15 Minuten effektiv, danach war bis zur Nachspielzeit in der zweiten Halbzeit komplett Schicht im Schacht. Die Südamerikaner wirkten gegen die wacker rackernden Australier schon früh so platt, als hätten sie vor dem Match keine lockeren Aufwärmübungen, sondern einen Ironman-Triathlon absolviert.

Die eher grobmotorisch veranlagten Aussies dagegen taten das, was sie zweifellos am besten können: Kämpfen bis zum Umfallen. Warum das am Ende nicht wenigstens mit einem oder noch mehr Punkten belohnt wurde, weiß eigentlich niemand, denn nüchtern betrachtet waren die Chilenen über weite Strecken der Begegnung einfach nur schlecht.

Sensatiönchen am Rande: Von einer übersehenen Tätlichkeit in Hälfte eins einmal abgesehen, bot das an und für sich unerfahrene Schiedsrichtertrio von der Elfenbeinküste eine halbwegs ordentliche Leistung. Man ist in diesen Tagen ja selbst für Kleinigkeiten unendlich dankbar.

Spielstatistik

Chile – Australien 3:1 (2:1)

1:0 Sanchez (12.)
2:0 Valdivia (14.)
2:1 Cahill (35.)
3:1 Beausejour (90.+2)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Robben und Robin machen Kicki-Kacka aus Tiki-Taka

Die schlechte Nachricht zuerst: Der Schiedsrichter hat auch im dritten WM-Spiel die Wahl zum Most Handicapped Man of the Match haushoch gewonnen. Und jetzt die gute: Holland hat Titelverteidiger Spanien trotzdem nach allen Regeln der Geflügelkunst tranchiert. Mit 5:1 (!) haben die Niederländer das Paket schon mal ausreichend frankiert, mit dem die Vollopfer von der iberischen Halbinsel nach der Vorrunde akkurat nach Hause verschifft werden. Dabei hatte das Spiel so wie immer begonnen, wenn Spanien sein armseliges Tiki-Taka aufzieht: mit dem unverdienten Führungstreffer. Diego Costa erlitt im Oranje-Strafraum ohne nennenswerte Fremdeinwirkung ganz plötzlich einen akuten Schwächeanfall, in dessen Folge er Sekundenbruchteile später wie eine im Flug schwingenamputierte Schwalbe zu Boden sank. Referee Nicola Rizzola hatte zwar freie Sicht auf den Tatort, wollte aber dennoch ein Foul an dem betrügerischen Vogelimitator gesehen haben – eine durchaus als exklusiv einzustufende optische Täuschung, die auch unter dem Namen Fata Morgana bekannt ist. Xavi Alonso nahm das elfmeterliche Pfeifenpräsent dankend an und lochte die Murmel zum einzigen Erfolgserlebnis seiner Mannschaft an diesem Abend ein.

Was danach passierte, kann man getrost als vorbildlich fachgerecht durchgeführte Heldenhinrichtung bezeichnen. Zweimal Robin van Persie, genauso oft Arjen Robben und einmal Stefan de Vrij besiegelten das exekutierte Schicksal des Noch-Weltmeisters – wobei das 3:1 erkennbar irregulär und das 4:1 das unvermeidliche Resultat eines trotteligen Sekundenschlafs des Madrider Keepers Iker Casillas war. Das wirklich Seltsame an dem deutlichen Ergebnis ist jedoch, dass die Spanier mit der 1:5-Klatsche gut bedient sind. Es hätte tatsächlich noch viel schlimmer werden können.

Tiki-Taka hat auf jeden Fall ausgedient. Endlich. Es war nämlich allerhöchste Zeit.

Spielstatistik

Spanien – Niederlande 1:5 (1:1)

1:0 Alonso (11. | Schwalbenelfmeter)
1:1 van Persie (44.)
1:2 Robben (53.)
1:3 de Vrij (64.)
1:4 van Persie (72.)
1:5 Robben (80.)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Mexiko schlägt Kamerun und Kolumbien

Kolumbien ist für drei Dinge bekannt: Drogen, Rauschgift und Suchtmittel. Ob sich die Herren Wilmar, Clavijo und Diaz vor dem Gruppe-A-Vorrundenspiel zwischen Mexiko und Kamerun bunte Pillen mit ausreichend halluzinogener Wirkung eingeworfen haben, weiß ich nicht. Dass dem Unparteiischen-Trio aus dem Land der Kartelle ein stationärer Entzug auf keinen Fall schaden würde, lässt sich aufgrund der Tatsache, dass den Mexikanern gleich zwei glasklar reguläre Tore geklaut wurden, allerdings nicht glaubhaft bestreiten. Vermutlich haben die Mittelamerikaner am Ende auch nur deshalb doch noch mit 1:0 gewonnen, weil den drei Pfeifen in der Halbzeit wirklich nur Schwarztee serviert wurde.

Aber reden wir doch mal über Kamerun. Wohlgemerkt: Das war fast dieselbe Mannschaft, die die deutsche Elf vor nicht einmal zwei Wochen steinalt aussehen ließ – womit wieder einmal bewiesen wäre, dass Testspiele voll für den Allerwertesten sind. Volker Finkes Mannen – vom langen Pokerspiel um die eigenen WM-Prämien offenbar final ausgelaugt – ließen lediglich in der Schlussphase ab und zu erkennen, dass sie nicht absichtlich verlieren wollten.

Wenn das mal keinen Ärger mit der Zockermafia den total seriösen Anbietern von Fußballwetten aus dem asiatischen Raum gibt!

Spielstatistik

Mexiko – Kamerun 1:0 (0:0)

1:0 Peralta (61.)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Mit dem Zwölften siegt man leichter

Japan – das ist Sushi, Fukushima und Nishimura. Nishimura? Ist das nicht dieser teilzeiterblindete Schiedsrichter, der den Brasilianern im WM-Eröffnungsspiel gegen Kroatien für weniger als gar nichts einen Strafstoß auf dem Silbertablett kredenzt hat? Ich weiß nicht, was Mit dem Zwölften siegt man leichter auf Japanisch heißt, aber ich kenne die Bedeutung des mutmaßlich sehr, sehr alten nipponesischen Sprichworts Baka mo ichi-gei: Jeder Narr hat Fähigkeiten. Vielleicht ist der feine Herr Nishimura aus Tokio ja ein virtuoser Hallenhalma-Spieler.

Dabei hatte das Spiel für den Außenseiter ziemlich nett begonnen, nachdem Sportskamerad Marcelo gleich den ersten semigefährlichen kroatischen Ball im Strafraum ohne erkennbare größere Not ins eigene Tor rumpelte. Das passiert eben, wenn man die Hosen so voll hat, dass die unteren Extremitäten zu unkontrollierten Zuckungen neigen. Immerhin konnte Marcelo dank des Notfall-Windelwechsels in der Halbzeitpause bis zum Schlusspfiff einigermaßen un- beziehungsweise durchfallfrei weitermachen.

Neben Pfeifenmann Nishimura war – wer sonst – Neymar der Matchwinner für die hochgejubelte Selecao, obwohl er bei beiden Toren mehr Billard als Fußball spielte. Beim Ausgleichstreffer mogelte sich die Kugel vom rechten Pfosten hinter die Linie, beim geschenkten Elfmeter stellte sich der kroatische Torwächter Pletikosa als willige Bande zur Verfügung. Das 3:1 durch Oscar in der Nachspielzeit versetzte dann lediglich Statistikfetischisten noch in Wallung.

Die Eröffnungsfeier vor dem Match war übrigens schön. Schön bunt und schön schnell wieder vorbei. Trotz Jennifer Lopez, die nach wie vor das Wachhaltevermögen einer Packung Valium mit dem Unterhaltungswert eines Höchstmengen an Fremdscham produzierenden Seitenbacher-Müsli-Werbespots erschreckend gekonnt zu kombinieren versteht.

Spielstatistik

Brasilien – Kroatien 3:1 (1:1)

0:1 Marcello (11.)
1:1 Neymar (29.)
2:1 Neymar (71. | Geschenkelfmeter)
3:1 Oscar (90.+1)

Bildnachweis: Eigene Screenshots

Money, Money, Money

Umgerechnet rund 335 Millionen Euro wird die FIFA bei der WM in Brasilien an die 32 teilnehmenden Mitgliedsverbände überweisen – allerdings erhalten nicht alle gleich viel Geld:

Sockelbetrag je 1,1 Millionen Euro
Vorrunde Gruppendritte und -vierte je 5,9 Millionen Euro
(zuzüglich Sockelbetrag)
Achtelfinale je 6,6 Millionen Euro
(zuzüglich Sockelbetrag)
Viertelfinale je 10,3 Millionen Euro
(zuzüglich Sockelbetrag)
Platz vier je 13,3 Millionen Euro
(zuzüglich Sockelbetrag)
Platz drei je 14,8 Millionen Euro
(zuzüglich Sockelbetrag)
Vizeweltmeister je 18,5 Millionen Euro
(zuzüglich Sockelbetrag)
Weltmeister je 25,9 Millionen Euro
(zuzüglich Sockelbetrag)

Hört sich viel an, ist es aber nicht, denn der Fußball-Weltverband rechnet mit Gesamteinnahmen in Höhe von etwa 1,6 Milliarden Euro. Und da sind die Unkosten schon abgezogen. Das Veranstalterland Brasilien wird übrigens mit vergleichsweise mickrigen 74 Millionen Euro abgespeist – bei Gesamtkosten von deutlich mehr als 8 Milliarden Euro.

Für die DFB-Kicker zahlt sich das Turnier erst ab dem Viertelfinale aus, für das Überstehen der Vorrunde und des Achtelfinales gibt es keine Prämien. Erreicht das Team das Viertelfinale, werden pro Spieler 50000 Euro fällig, im Halbfinale 100000 Euro, im Endspiel 150000 Euro und im Falle des Titelgewinns 300000 Euro.

Didis kleines Fußball-ABC

Fußball ist ein wahnsinnig kompliziertes Spiel, das nicht jeder auf Anpfiff versteht. Das muss anders werden. Damit die Wissensneandertaler beim Public Viewing und vor den heimischen Empfangsgeräten nicht ständig dumme Fragen stellen und dadurch den Beobachtungsfluss unnötig stören, mache ich hier mal kurz den Erklärbär – von A wie Abseits bis Z wie Zidane.

A wie Abseits

Abseits ist, wenn der Assi an der Seitenlinie wild mit seinem Fähnchen wedelt und der Schiedsrichter darauf reinfällt. Alle anderen Definitionen – insbesondere die in Regel 11 des offiziellen FIFA-Gesetzbuchs – dienen nur der Irreführung des versierten Fachpublikums.

B wie Ball

Spielgerät, das bei jeder Weltmeisterschaft einen anderen lustigen Namen trägt. Frühere WM-Kugeln hießen unter anderem T-Model (Uruguay 1930), Zig Zag (Italien 1934), Duplo (Brasilien 1950), Mr. Crack (Chile 1962) und Teamgeist (Deutschland 2010). Die brasilianische Variante wurde basisdemokratisch auf den Namen Brazuca getauft. Bei der einem bekannten Kaugummi nachempfundenen Namensgebung wurde keineswegs zufällig berücksichtigt, dass nicht jeder Spielteilnehmer über die erforderlichen technischen Fähigkeiten verfügt, um das runde Leder aus Kunststoff unfallfrei an einer der unteren Extremitäten zu führen. Deshalb ist die Außenhaut des Brazucas vorsorglich mit einer dünnen Haftschicht aus handelsüblichem Sekundenkleber überzogen, was ungeachtet möglicher Nebenwirkungen selbst überzeugte Rumpelfüßler zu begnadeten Ballartisten mutieren lässt.

C wie Cordoba

Stadt in Argentinien, in der die deutsche Elf 1978 gegen Österreich während des letzten Zwischenrundenspiels plötzlich von einer rätselhaften Kranklheit befallen wurde. Da weit und breit keine Rettungskräfte verfügbar waren, schied Deutschland aus dem Turnier dahin.

D wie Doping

Gibt es im Fußball nicht. Basta. Wer etwas anderes behauptet, fliegt raus.

E wie Elfmeterschießen

Von Uwe Seeler wegen des Wembley-Nichttors über Englands Nationalmannschaft verhängter Fluch, der seit 1966 zuverlässig wirkt und bei Bedarf dafür sorgt, dass die Kicker von der Insel regelmäßig vorzeitig auf ihr drolliges Eiland heimkehren müssen. Bei der WM 2010 in Südafrika kam es in diesem Zusammenhang zu einer längst fälligen Retourkutsche für den dreisten Titelklau von 1966 – wobei der von Frank Lampard geschossene Ball die Torlinie nachweislich nicht überschritten hatte.

F wie Foul

Rechtswidriger tätlicher Angriff auf den Körper des Gegners, der mit Frei- oder Strafstoß geahndet wird. In besonders schweren Fällen können auch befristete Berufsverbote ausgesprochen werden, deren Vollzug beim Vorliegen strafmildernder Umstände aber zu Bewährung auszusetzen ist.

G wie GoalControl

In Deutschland entwickelte elektronische Sehhilfe für Schieds- und Linienrichter mit zeitweilig ausgeschaltetem Augenlicht, die einen regulären Treffer ohne technische Unterstützung selbst dann nicht erkennen könnten, wenn man sie direkt an der Querlatte festschnallen würde.

H wie Hand Gottes

Für Normalsterbliche unsichtbares zusätzliches Körperteil, das der Allmächtige dem strenggläubigen argentinischen Nationalheiligen Diego Maradona 1986 im WM-Viertelfinale gegen England zum Zwecke des Torerfolgs spontan wachsen ließ.

I wie Innenverteidigung

Problemzone in der deutschen Mannschaft, weil Mats Hummels trotz zahlreicher Klöpse in der Vergangenheit immer noch Anhänger jener abenteuerlichen Spielphilosophie ist, die es Abwehrspielern selbst in akutester Gegentorgefahr strikt verbietet, den Ball einfach mal per Befreiungsschlag aus dem Krisengebiet zu befördern.

J wie Joker

Euphemistische Bezeichnung für den konditionsschwächsten Ersatzspieler, der bei Rückständen in der Regel erst dann eingewechselt wird, wenn alle Versuche, mittels dubioser okkulter Verzweiflungsrituale (Schlangen beschwören, Spiegel zertrümmern, Porzellan zerschlagen, Rent-A-Schornsteinfeger) einen negativen Spielverlauf zu drehen, wirkungslos verpufft sind.

K wie Kabinenpredigt

In der Halbzeit von einem geistlich gewandeten Trainer durchzuführende Erziehungsmaßnahme für schwer erziehbare Kicker, die sich vorsätzlich oder grob fahrlässig den verbindlichen Anweisungen des Coachs widersetzen. Als besonders wirksam haben sich im Laufe der Zeit Kabinenpredigten erwiesen, deren Laustärke in etwa der eines startenden Düsenflugzeugs entspricht. Auch die in besonders schweren Fällen der Gehorsamsverweigerung angezeigte geschickte Verbindung der Kabinenpredigt mit körperlichen Zwangsmitteln sowie das glaubwürdige Androhen eines mehrwöchigen Smartphone-/Tablet-/Playstation-Entzugs haben sich schon oft bewährt.

L wie Linienrichter

Assistenten des Schiedsrichters, deren Hauptaufgabe darin besteht, pedantisch darauf zu achten, dass die Spielfeldbegrenzungen schnurgerade und rechtwinklig auf die Spielfläche geklöppelt werden. Ist das der Fall, signalisieren sie dem Schiedsrichter die einwandfreie Akkuratheit der in weiß gehaltenen Linien während des Spiels durch wiederholtes, auf Außenstehende häufig unmotiviert wirkendes Winken mit der Benachrichtigungsfahne. Der Schiedsrichter bestätigt den ordnungsgemäßen Empfang der Mitteilungen durch ein- oder mehrmaliges Benutzen der Quittungspfeife.

M wie Mittelstürmer

Wichtige Spielposition, deren Existenz und Berechtigung von Joachim Löw vehement bestritten wird. Stattdessen bevorzugt der Bundestrainer den sogenannten falschen Neuner (nicht zu verwechseln mit dem echten Zwanziger oder dem falschen Fuffziger). Dabei schenkt Löw normalerweise dem überaus robusten Dortmunder 1,76-Meter-Hünen Mario Götze sein Vertrauen, der von seinen Mannschaftskameraden konsequenterweise auch möglichst hoch angespielt wird. Der Erfolg dieser ungewöhnlich taktischen Maßnahme ist bisher zwar ausgeblieben, aber wenn der Jogi das so haben möchte, dann wird er sich schon etwas dabei denken. Bestimmt.

N wie Notbremse

Unter Notbremse versteht man im modernen Fußball die gewaltsame Trennung eines gegnerischen Spielers vom Ball durch den letzten abwehrbereiten Spieler unmittelbar vor einem wahrscheinlichen Treffer des Angreifers, die mit einem sofort auszusprechenden Feldverweis ohne Bewährung und wegen der besonderen Schwere der Schuld mit anschließender zeitlich befristeter Sicherheitsverwahrung des Täters geahndet.

O wie Offene Sohle

Relativ neue Behandlungsmethode für Spieler, deren überlegene Spielweise nur durch aggressiv angewandte Akupunktur unterbunden werden kann. Dabei richtet der Attackierende einen oder beide Füße soweit auf, dass das Opfer sein bevorstehendes Unglück im günstigsten Fall auf sich zukommen sieht. Neben der vorrangig erwünschten physischen Wirkung hat diese Art der Therapie auch eine nicht zu unterschätzende psychologische Komponente, die selbst völlig Unbeteiligte nachhaltig beeindrucken kann. Das führt nicht selten zu unerlaubter Rudelbildung und im weiteren Matchverlauf zu Notwehr-Vergeltungsmaßnahmen, unter denen das verdeckte Revanchefoul besondere Beliebtheit genießt.

P wie Pfosten

Vertikale Seitenbegrenzung des Tores, das mit der horizontalen Lattenquerverbindung einen rechteckigen Kasten bildet, der aus Gründen des Zuschauerschutzes und zur Entlastung der unentgeltlich arbeitenden Ballkinder nach hinten mit einem Netz gesichert wird. Muss ein Torhüter den Ball aus eigenem Verschulden aus seinem Kasten holen, wird dieser manchmal zum Vollpfosten erklärt, mit der Bedeutung des Grundbegriffs steht das jedoch nicht in unmittelbarem Zusammenhang.

Q wie Querpass

Sichtbarer Ausfluss völliger Ideenabstinenz innerhalb einer Mannschaft, deren destruktiver Charakter nur noch durch den feigen Rückpass zum eigenen Torwart übertroffen wird.

R wie Reklamieren

Obwohl auch auf dem Rasen grundsätzlich Meinungs- und Redefreiheit herrscht, ist vor allem die wild gestikulierend vorgetragene Beschwerde über eine tatsächliche oder vermeintliche Fehlentscheidung des Unparteiischen illegal. Kommt es deshalb zu einer unerlaubten Zusammenrottung auf dem Spielfeld, spricht der erfahrene Fußballtherapeut von rudelbildendem Protestverhalten, das seine traumabedingte Hauptursache in frühkindlich erlebtem Wegnehmen der Lieblingsrassel im vergitterten Laufstall hat.

S wie Schwalbe

Massiv antiornithologisch motivierte Diskrimierung einer auch in unseren Breiten vorkommenden Vogelgattung, die wahrheitswidrig suggerieren soll, dass sich Schwalben ohne jeden Grund im Sturzflug aus freien Stücken in den Boden rammen und dafür auch noch belohnt werden wollen. Um ein Zeichen gegen die zunehmende Verächtlichmachung der Schwalben im Fußball und in anderen Bereichen des täglichen Lebens zu setzen (siehe zum Beispiel hier), verbringen manche Schwalbenarten einen Teil des Jahres im afrikanischen Exil.

T wie Torwart

Auch Torwächter, Torhüter, Schlussmann, Keeper, Fliegenfänger, Blindfuchs oder Depp genannt. Soll einer alten Fußballweisheit zufolge neben dem Linksaußen einziger Spieler seiner Mannschaft sein, der gewaltig einen an der Klatsche hat. Als erster Torwart der Geschichte gilt König David. Allerdings musste der kurzfristig auf seine Mannschaft verzichten, nachdem diese fluchtartig die bis auf den letzten Platz gefüllte Jerusalemer King-Saul-Arena verlassen hatte. So berichtet es sinngemäß auf jeden Fall die Bibel: Da machte sich der König auf und setzte sich ins Tor. Und man sagte es allem Volk: Siehe, der König sitzt im Tor. Da kam alles Volk vor den König. Aber Israel war geflohen, ein jeglicher in seine Hütte.

U wie Uli Hoeneß

Mittlerweile inhaftierter Nationalspieler, Wurstfabrikant, Ex-Bayern-Präsident und äußerst zurückhaltend geständiger Steuerhinterzieher, der eigentlich schon nach seinem spielentscheidend verschossenen Elfmeter im EM-Endspiel 1976 gegen die Tschechoslowakei weggesperrt gehört hätte.

V wie Viererkette

Wertvolles Defensivschmuckstück einer Mannschaft, in dem sich das gegnerische Team nach Möglichkeit offensiv autostrangulieren soll. Viererketten können auch aus drei Gliedern bestehen, dann nennt man sie aber Dreierkette.

W wie Waldi

Populärer Hunde- und zweifelhafter Spitzname des ARD-Sportreporters Waldemar Hartmann, der sich bei Rudi Völler im September 2003 darüber beschwerte, dass auf Island kein Weizenbier ausgeschenkt wird – was beim ehemaligen Bundestrainer infolge ungesund erhöhter Adrenalinausschüttung zu erkennbaren Irritationen führte.

XY wie XY

Idealtypische Anordnung des Chromosomensatzes im Erbgut des Menschen, um vernünftig Fußball spielen zu können. Während die Frau zwei X-Chromosomen besitzt, bevorzugt der Mann ein X- und ein Y-Chromosom. Ich kann nichts dafür, die Natur will es so. Ehrlisch. Isch schwör.

Z wie Zidane

Ehemaliger französischer Nationalspieler, der seinen Gegenspieler Marco Materazzi im Finale der WM 2006 in Deutschland überraschend zu einem traditionellen Stierkampf herausforderte, nachdem der Italiener Zidanes Schwester fälschlicherweise im horizontalen Gewerbe vermutet hatte.

Bildnachweis: Wikipedia

Jogiunser

Bitte ab heute bis zum Endspiel dreimal täglich nach den Mahlzeiten mit etwas Flüssigkeit einnehmen:

Jogi unser am Spielfeldrand,
gelobet sei Dein Training.
Deine Aufstellung komme.
Deine Taktik geschehe, wie
in Salvador und Fortaleza,
so auch in Recife und Rio.
Uns’ren Pokal gib uns am 13. Juli.
Und vergib uns uns’re Zweifel,
wie auch wir vergeben den Experten.
Und führe uns nicht schon wieder
ins Spiel um Platz drei, sondern erlöse
uns von der elend langen Titellosigkeit.
Denn Dein ist das Runde und das Eckige
und der Torjubel in Ewigkeit.

Schland.

Männer sind Pfeifen

Schiedsrichten im Fußball ist männlich – zumindest bei der Fußball-WM in Brasilien. Obwohl sich mit dem für sein beherztes Engagement in Sachen Frauenrechte in aller Welt geschätzten Iran qualifizieren konnte und der DFB hartnäckig behauptet, mit Bibiana Steinhaus die beste Unparteiische des Planeten in seinen Reihen zu haben, hat es auch dieses Mal keine Frau in den Schiedsrichterkader der FIFA geschafft. Wirklich schade, denn ein wenig mehr weibliche Ruhe und Gelassenheit würde dem einen oder anderen testosteronbehinderten Rasenmacho zweifellos gut tun.

Die offizelle FIFA-Schiedsrichterliste:

Name Land Alter International seit
Alioum ALIOUM Kamerun 32 2008
Daniel BENNETT Südafrika 37 2003
Noumandiez DOUE Elfenbeinküste 43 2004
Bakary GASSAMA Kamerun 35 2007
Djamel HAIMOUDI Algerien 43 2004
Alireza FAGHANI Iran 36 2008
Ravshan IRMATOV Usbekistan 36 2003
Yuichi NISHIMURA Japan 42 2004
Nawaf SHUKRALLA Bahrain 37 2007
Benjamin WILLIAMS Australien 37 2005
Felix BRYCH Deutschland 38 2007
Cuneyt CAKIR Türkei 37 2006
Jonas ERIKSSON Schweden 40 2002
Bjorn KUIPERS Niederlande 41 2006
Milorad MAZIC Serbien 41 2009
Svein Oddvar MOEN Norwegen 35 2005
Pedro PROENCA Portugal 43 2003
Carlos VELASCO CARBALLO Spanien 43 2008
Howard WEBB England 42 2005
Joel AGUILAR El Salvador 38 2001
Mark GEIGER USA 39 2008
Walter LOPEZ Guatemala 33 2006
Roberto MORENO Panama 44 1996
Marco RODRIGUEZ Mexiko 40 1999
Norbert HAUATA Tahiti 35 2008
Victor CARRILLO Peru 38 2005
Enrique OSSES Chile 40 2005
Nestor PITANA Argentinien 38 2010
Sandro RICCI Brasilien 39 2011
Wilmar ROLDAN Kolumbien 34 2008
Carlos VERA Ecuador 37 2006

Ton- und Bildstörungen

Zum ersten Mal seit 1998 dürfen ARD und ZDF eine Fußball-Weltmeisterschaft wieder exklusiv in Deutschland übertragen. RTL und Sky verzichten dankenswerterweise auf Livebilder von den insgesamt 64 Spielen in Brasilien. Für uns Daheimgebliebene bedeutet das, dass wir uns einmal mehr ausschließlich mit gebührenfinanzierten Bild- und Tonstörungen herumschlagen müssen. Ein kurzer Überblick über das, was ab dem 12. Juni unaufhaltsam auf uns zu kommt:

ARD

Moderatoren

Matthias Opdendövel moderierte fünf Jahre lang Schlag den Raab, bevor er Pro Sieben 2011 überraschend den Laufpass gab. Seitdem moderiert der frühere Stadion-sprecher von Borussia Mönchengladbach im Wechsel mit Gerhard Delling und Reinhold Beckmann die altehrwürdige ARD-Sportschau. Bei der WM bildet Opdenhövel gemeinsam mit Mehmet Scholl wohl das erträglichste der öffentlich-rechtlichen Labertaschenduos, die im bunten TV-Rahmenprogramm die Primetime-Spiele gründlich sezieren dürfen.

Zuerst die gute Nachricht in Sachen Reinhold Beckmann: Der ehemalige Niedersachen-Auswahlspieler und wechselfreudige Sportchef diverser konkurrierender Privatsender darf keine Spiele mehr kommentieren. Und jetzt die schlechte: Er darf sie aber moderieren, wenn auch nur zu fortgeschrittener Stunde. Vielleicht kann Beckmanns Sidekick Giovane Elber ja verhindern, dass wir uns ständig über den Bildschirm erbrechen müssen. Darauf verlassen sollte man sich allerdings nicht. Beckmann hat in seiner schon viel zu lange andauernden Karriere schließlich selbst hartgesottenste Fernsehzuschauer zum Reihern gebracht.

Experten

Mehmet Scholl diagnostizierte vor zwei Jahren bei Mario Gomez einen beginnenden Dekubitus und bewies damit auf ziemlich unappetitliche Art und Weise, dass Talent alleine keinen guten Co-Moderator ausmacht. Ähnliche Erfahrungen hatte er bereits als Spieler zu Hauf gesammelt. Obwohl mit allem ausgestattet, was man benötigt, um der beste Fußballer aller Zeiten zu werden, schaffte Scholl in der Nationalmannschaft nie den großen Durchbruch. Sollte er daraus auch für eine Zweitkarriere als überbezahlter Besserwisser die richtigen Lehren ziehen, könnte aus Scholl doch noch etwas werden. Toi, toi, toi.

In der langen Geschichte des Expertenunwesens hat noch niemand so lustig deutsch gesprochen wie Giovane Elber. Aber schon für das berühmte Magische Dreieck wurde er nicht wegen seiner linguistischen Fähigkeiten engagiert, sondern weil er eine ganze Menge vom Fußball versteht. Deshalb und weil unbedingt ein Quoten-Brasilianer gebraucht wurde, kam die ARD am Rinderbaron aus Londrina einfach nicht vorbei (Foto: Michael Lucan | Lizenz: CC-BY 3.0 | Via Wikimedia Commons).

Kommentatoren

Als 20000 irische Fans bei der EM 2012 trotz der 0:4-Klatsche ihres Teams gegen Spanien fünf Minuten vor Schluss lauthals Fields of Athenry anstimmten, demonstrierte Tom Bartels durch beharrliches Schweigen, dass man nicht unbedingt 90 Minuten an akutem Sprechdurchfall leiden muss, um als Fußballreporter nachhaltig in guter Erinnerung zu bleiben. Schade nur, dass Bartels so selten die Klappe hält, denn seine Verbalanalysen führen beim dauerbequatschten Zuschauer in der Regel nicht zu nennenswerten Erkenntnisgewinnen. Wurde vom Ersten dennoch schon jetzt fest für das WM-Finale eingeplant.

Vermutlich hätten wir uns nie von Gerd Gottlob quälen lassen müssen, wenn Gerd Rubenbauer vor der WM 2006 nicht eingeschnappt das Weite gesucht hätte, denn bis dahin war Gottlob in erster Linie beim Frauenfußball im Einsatz. Andererseits bleibt uns dadurch wenigstens Rubenbauer erspart. Ich befürchte jedoch, dass das der einzige bleibende Verdienst des 49-jährigen Niedersachsen bleiben wird. Es sei denn, er schafft uns auch noch den Beckmann vom Hals.

Man sollte eigentlich meinen, dass ein Sportchef des Westdeutschen Rundfunks keine Zeit mehr für etwas anderes hat. Die Tatsache, dass das bei Steffen Simon nicht der Fall ist, beweist erstens, dass der Job eines WDR-Hauptabteilungsleiters von wirklich jedem Hanswurst erledigt werden kann – und zweitens, dass man trotz einer chronischen Spaßbremsigkeit ganz lustige Spitznamen haben kann. Wen außer Simon würde man denn sonst als kommentierendes Tiefdruckgebiet und freudlosen Reichsbedenkenreporter bezeichnen? Eben.

ZDF

Moderatoren

Wirksame Betäubungsmittel bekommt man normalerweise auf Rezept, im Krankenhaus, beim Dealer des Vertrauens um die Ecke – oder beim ZDF. Insofern ist die Degradierung von Katrin Müller-Hohenstein zur milden Einschlafhilfe aus dem deutschen Mannschaftsquartier nichts anderes als der durchaus ambitionierte Versuch, die längst verrenteten Stammpatienten der Mainzer Sendeanstalt auf Drogenentzug zu setzen. Verschärft wird die radikale Entziehungskur noch dadurch, dass KMH in Brasilien von Oliver Welke ersetzt wird. Der kongeniale Macher der heute-show wird im Zusammenspiel mit dem anderen Oli schon dafür sorgen, dass Greisenfraktion das Lachen gründlich vergeht.

Die kriminelle Szene in Deutschland atmet auf: ER ist nicht da. ER, Rudi Cerne. Statt mit ungelösten Aktenzeichen auf XY-Verbrecherhatz zu gehen, wird der gelernte Eiskunstläufer in den nächsten Wochen von einer eigens angemieteten Dachterrasse in Rio die Aussicht auf die Copacabana genießen dürfen. Insiderkreisen zufolge war ursprünglich zwar geplant, dass Cerne zur Finanzierung der traumhaften Location für das brasilianische Fernsehen flüchtige Ganoven ausfindig machen sollte, aber Numero do Processo XY … pendente hätte wegen der exorbitant hohen Kriminalitäts- und Korruptionsrate im Land vermutlich die gesamte Sendezeit des ZDF beansprucht. Deshalb muss Rudi jetzt doch von der WM berichten. Was für eine Verschwendung.

Experten

Nach der einstweiligen Strafversetzung von Katrin Müller-Hohenstein ins Campo Bahia darf Oliver Kahn nun mit Namensvetter Welke die WM rasierklingenscharf analysieren. Während unser pensionierter Torwart-Titan von Müller-Dingenskirchen früher immer schon nach zwei Minuten ins künstliche Koma geschwafelt wurde, ist die Arbeit mit Welke für Kahn eine echte Herausforderung. Vielleicht stellt sich dabei ja heraus, dass Uns Oli Gernot-Hassknecht-Qualitäten besitzt. Es wäre ein echter Gewinn.

Urs Meier ist Schweizer und konnte deshalb gar nicht anders, als Fußball-Schiedsrichter zu werden. Als solcher war er zeitweise sogar recht erfolgreich, Rumänien und England muss er als Urlaubsland jedoch nach wie vor strikt meiden. Aber wer will da auch schon seine Ferien verbringen. Vom ZDF wird Meier seit 2005 regelmäßig unter Vertrag genommen, damit der dem fachkundigen Fernsehpublikum mit drolligem eidgenössischem Zungenschlag erklären kann, warum Unparteiische selbst dann nichts falsch machen, wenn sie total daneben liegen. Das muss man erstmal hinkriegen.

Kommentatoren

Bela Rethy wurde in Wien geboren, was ihn an und für sich für jede Arbeit bei Funk und Fernsehen disqualifiziert. Weil Rethy neben Deutsch aber auch Ungarisch, Portugiesisch, Englisch, Französisch, Spanisch und ungefähr 200 andere Sprachen fließend beherrscht, wird er von seinem Sender bei sportlichen Megaevents regelmäßig als Nebenerwerbsdolmetscher eingesetzt. Um die Personalkosten möglichst niedrig zu halten, schnallt das ZDF den studierten Ethnologen mit 57 Jahren immer noch ans Sprechgeschirr, wohl wissend, das Rethy nie das Spiel kommentiert, das gerade über den Sender geht.

Obwohl Oliver Schmidt bereits seit 1995 auf dem Lerchenberg arbeitet, wissen selbst langjährige ZDF-Mitarbeiter so gut wie nichts über ihn. Das ist irgendwie traurig. Dabei ist der 1972 in Erkelenz geborene Sportjournalist seit vier Jahren Redaktionsleiter des quasi ins Samstagnachtprogramm abgeschobenen aktuellen sportstudios, und bei der WM in Südafrika war er übereinstimmenden Zeugenberichten zufolge ebenfalls schon hinter dem Mikrofon tätig. Dennoch ist der Mann ein regelrechtes Phantom. So war es auch eine beispiellose Zumutung, ein urheberrechtlich unbedenkliches Foto von Schmidt für diesen Artikel zu finden. Skandal!

Thomas Wark ist in die großen Fußstapfen seines Vaters getreten, füllt diese aber allenfalls zur Hälfte aus. Warks Kommentarstil als zwanghaft schlecht gelaunt zu bezeichnen, wäre eine schamlose Untertreibung. Dass ihm sein Beruf Spaß macht, konnte Wark bis jetzt auf jeden Fall nicht glaubhaft nachweisen – was unter anderem daran liegen könnte, dass er von ihm reportierte sportliche Fehlleistungen wahnsinnig persönlich zu nehmen scheint. Deutschland hat in Brasilien also um jeden Preis Weltmeister werden, damit Wark nicht in behandlungsbedürftige Depressionen verfällt. Diesen Druck will ich nicht aushalten müssen.

Wolf-Dieter Poschmann steht mit seinen mittlerweile 63 Jahren zwar irgendwie kurz vor dem Ruhestand, darf in Brasilien aber genauso irgendwie nochmal ran. Der frühere Leichtathlet war lange Jahre ZDF-Obersportler, musste Ende Januar 2005 seinen ausgezeichnet gepolsterten Chefsessel nach selbstverständlich frei erfundenen Vorwürfen (Führungsstil, Unfähigkeit, Maul- und Klauenseuche) dann aber für Dieter Gruschwitz räumen. Hat jederzeit einen flotten Spruch auf den Lippen (Von Jürgen Kohler, den sie alle nur ‚Kokser‘ nennen, zurück zum heutigen Gegner Kolumbien – eine gelungene Überleitung wie ich finde) und liebt das klare Wort, schießt dabei manchmal jedoch deutlich am selbst gesteckten Ziel vorbei. Poschmann kann es zweifellos. Nur zu selten.

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